Freitag, 14. Juli 2017

Sieben Schritt pro Woche

Schon länger hatte ich mich ja mit dem Gedanken getragen, aus meiner Wohnung auszuziehen. Kurz gesagt war sie schön genug, die letzten 18 Jahre darin zu leben, aber sie ist mit Sicherheit nicht schön genug, den Rest meines Lebens dort zu verbringen. Die Zimmer hängen hintereinander, der Flur ist sehr klein, sodass man vom Treppenhaus aus schon ins Wohnzimmer schauen kann. Das Bad ist sehr winzig, die Küche ist für eine kleine Person wie mich geeignet, aber sobald eine zweite Person darin ist, müssen wir absprechen, wer etwas holt und wer nicht. Wenn ich zum Beispiel jemandem etwas geben möchte, muss dieser erst aus der Küche raus, sodass ich an die schränke kann, um das zu finden, was der andere sucht. Die Fenster sind relativ hoch aber erstrecken sich über die gesamte Breite der Wohnung, was etwas nach Büro oder nach Keller Wohnung aussieht. Auch ist das nächste Fenster erst die Balkontüre, die sich genau am gegenüberliegenden Ende befindet. Der mittlere Teil der Wohnung, sozusagen der Wohnbereich mit der Wohnlandschaft ist daher immer im Dunkeln, es sei denn, ich lasse die ganze Zeit das Licht brennen. Der Vorteil daran ist natürlich, dass man die Musik oder den Fernseher überall hört, da ja alle Zimmer zusammenhängen. Die Wohnung selber ist in einem ordentlichen Zustand, doch hat sie von sich aus wenig Charme , man musste sehr viel hinein stellen, damit sie gemütlich gemacht werden konnte. Dadurch, dass sozusagen der mittlere Teil ein Durchgangszimmer ist, befinden sich im Wohn- Esszimmer drei Türen, eine zum Schlafzimmer, eine zum Flur und eine in die Küche, die auch noch seitlich daran hängt. Die Küche hat aber ein Fenster, was ich sehr begrüßt habe. Das Bad hat leider kein Fenster, sodass zum Beispiel die Siliconfugen rund um meine Dusche irgendwann mit der Zeit schimmelig wurden. Ich habe daher vorsorglich immer die Badetür offen gelassen. Meine Gegend war zu Anfang, als ich dort einzog, sensationell, sodass sogar ein Bericht darüber in der Zeitung stand, dass in dieser Wohngegend und besonders in der Hauptstraße des Wohnviertels extrem viele Geschäfte vorhanden sind. Nach und nach schlossen diese Läden, die teilweise einzelnen Besitzern oder einzelnen Handwerkern gehörten. Es kamen immer mehr Handyläden, Dönerboden, Internetshops, Schmuckläden, Sonnenstudios, Tattoostudios und alles das, was kein Mensch braucht. Als der Schlecker zu machte, gab es dann auch keine Drogerie mehr. Der schöne Obstladen, der weiter weggezogen ist, wurde durch eine Pizzakette und eine weitere Dönerbude ersetzt. Die Dönerbuden und Gaststätten haben überall ihre Stühle draußen, dies verleiht zwar dem Viertel ein südländisches Flair, doch für blinde, die dann laufend um die Stühle herum eiern müssen oder darüber fallen, ist dies denkbar ungeeignet. Es gibt zwar noch zwei Supermärkte, doch ein größerer Discountladen ist leider weggezogen, dort ist jetzt eine Ladenkette , die mit Sicherheit ihre billigen Klamotten mit Kinderarbeit in Indien oder Bangladesch anfertigen läßt. Ich wollte außerdem auch in eine Wohnungsbaugenossenschaft, da ich feststellte, dass private Vermieter häufig weiter weg wohnen, und man sie schlecht erreicht, wenn es ein Problem gibt. Es hat sich auch häufiger mal die Kontonummer geändert, sodass ich sogar eine Zeit lang einen Hinterlegungsantrag für die Miete beim Amtsgericht machen musste, und das, obwohl ich gerade erst frisch transplantiert aus dem Krankenhaus kam. Wenn ich zur Hausverwaltung ging, wurde ich an den Vermieter verwiesen, da nur ein Vermieter z.B. die Anfertigung weiterer Schlüssel oder den Austausch eines Schlosses veranlassen dürfen, wohingegen dann wiederum der Vermieter mich wieder zur Verwaltung schickte. So zogen sich einige Dinge ziemlich lange hin. Die Gegend, in der ich wohne, ist insgesamt die nicht ganz so gute Seite der Stadt, und ich bin häufiger einmal auf der anderen Seite, wobei es dort noch echte Bäcker gibt, also keine Ketten, zumindest mehr als bei uns, und wo es auch ziemlich urige und gemütliche Häuser gibt. In dieser Gegend gibt es auch wesentlich mehr Cafés oder Kneipen, wobei es aber auch in meiner Gegend schon ziemlich viel gibt, wo man abends hingehen kann. Zwei Leute von der Dialyse, mit denen ich mich ab und zu noch treffe, gehen immer zusammen mit mir in ein wunderschönes alteingesessenes Café auf dieser schönen Seite der Stadt, wo uns die ältere Bäckerin immer freundlich begrüßt, immer lustig und gut gelaunt ist und all ihre Kunden gut kennt. Dann kommt noch eine der Metzgerrinnen dazu, die sich auch mit an den Tisch setzt, und auch hier habe ich sehr häufig schon eingekauft. Allerdings haben auch wir in unserem Teil einen der besten Metzger der Stadt zur Verfügung. Mich hat aber besonders die schöne Atmosphäre dieser Gegend angelockt, und ich dachte, obwohl diese Gegend natürlich etwas teurer ist, wäre sie mir vielleicht wesentlich sympathischer. Ich hatte schon immer von einer Wohnung geträumt, wo der Flur sich durch die ganze Wohnung zieht, und die Zimmer links und rechts vom Flur abgehen, und ich wollte schon immer ein Bad mit Badewanne. Nun habe ich einen zauberhaften Balkon, den ich mir auch wunderschön eingerichtet habe, und der mir sozusagen als sommerliches Wohnzimmer dient. Wenn ich Besuch habe, ist es am Abend wunderschön, bei Kerzenlicht draußen zu sitzen, da ich mir den Balkon wunderschön dekoriert habe, und ich hatte mir erst für einiges Geld eine schöne Blumenbank von einem Schreiner anfertigen lassen, den ich gut über den Tauschring kenne, daher war es nicht ganz so teuer. Man hat aber meistens nur eine Sache, entweder Badewanne oder Balkon, zumindest in meiner Preisklasse. Da ich beim Wohnungsamt gemeldet war, aber von dort noch nie irgendeine Wohnung vorgeschlagen bekam, beschloss ich nun, mich selbst bei einigen Wohnbaugenossenschaften anzumelden. In meiner Gegend gibt es eine Siedlung einer Wohnbaugenossenschaft, die hauptsächlich Wohnungen in diesem Teil der Stadt anzubieten hat. Besonders rund um eine bestimmte U-Bahn Haltestelle häufen sich diese Wohnungen, und ich hatte einmal dort negative Erfahrungen gemacht, als ich an dieser U-Bahn Haltestelle ausstieg und von einem merkwürdigen Mann auf einen Kaffee eingeladen wurde, der mir nicht ganz geheuer schien. Mein früherer Zahnarzt war auch in dieser Gegend, wobei das Haus, wo er seine Praxis hatte, ein wunderschöner Altbau war. So hatte ich am wenigsten damit gerechnet, ausgerechnet bei dieser Wohnbaugenossenschaft etwas zu finden. Jedoch schon nach drei Wochen kam ein Angebot, und man musste sich entscheiden, ob man sich zumindest die Wohnung ansieht, sonst würde man komplett von der Liste genommen, wie es auch bei einigen anderen Wohnbaugenossenschaften üblich ist. So setzte ich mich mit der Mieterin über Handy in Verbindung, um mir die Wohnung anzusehen. Ich dachte mir, der Form halber schaue ich mir das Ganze halt mal an, damit ich zumindest sagen kann, dass ich dort war. Ich rechnete jetzt nicht damit, dass hier , zumal gleich beim allerersten Angebot , irgend etwas Interessantes zu finden sei. Ich fuhr also mit meiner jetzigen Betreuerin, die sich sehr um die Wohnungssuche bemüht hat, in diese Gegend. Als wir ausstiegen, hatte ich schon ein gutes Gefühl und dachte, was ist das für eine schöne Gegend. Als ich so dastand und vor mich hin lächelte, während meine Betreuerin das Auto noch korrekt einparkte, kamen schon Leute vorbei, die freundlich grüßten. Das erlebt man in einer Großstadt selten. Dann klingelten wir bei der Mieterin und gingen ins Haus. Schon die Haustüre des Altbaus aus dem Jahre 1896 war sehr anheimelnd, da sie mich an die Haustüre meines Elternhauses erinnerte. Alles Sah insgesamt so wunderschön alt aus. Dann gingen wir lediglich ein paar kleine Treppen nach oben und Bogen links in die Wohnung ein. Und sofort hatte ich mich in die schöne Wohnung verliebt. Sie war genau das, was ich mir immer gewünscht hatte. Das Bad war riesengroß mit einer Badewanne und einem Fenster. Das Schlafzimmer ist etwas klein, die vor Mieterin hat ein Hochbett aufgebaut, das kommt natürlich für mich mit meinen Einschränkungen nicht infrage. Die Küche an der Stirnseite war riesengroß, man kann darin einen Tisch aufstellen, wie ich es mir immer gewünscht hatte, und die Küche hat auch wieder ein Fenster. Auf der linken Seite ist dann ein relativ großes Wohnzimmer, wobei mir die Mieterin erklärte, dass am Nachmittag die Sonne schon ziemlich stark rein scheint. Da jedes Zimmer ein Fenster hat, ist die Wohnung nicht sehr dunkel, und am Nachmittag muss man wahrscheinlich im Wohnzimmer sogar die Vorhänge zu machen. Die Frau hatte zwei Katzen, sodass sie nicht gut lüften konnte, damit die Katzen nicht auf die Straße abhauen. Somit war die Wohnung etwas stickig, wobei ich, die zwar keine Frischluftfanatikerin bin, aber der sehr schnell die frische Luft ausgeht, es lieber dann doch mit offenen Fenstern mag. Wenn man aus der Wohnung heraus geht, ist am Ende des Treppenhauses eine kleine Abstellkammer, die auch noch zu dieser Wohnung gehört. Der Höhepunkt war aber, dass man auf der linken Seite durch eine Glastür in einen Innenhof kommt, an den drei Häuserblocks angrenzen. Der Innenhof hat einen Rasen, Bänke, einen Spielplatz und auch eine Abstell Möglichkeit für die Mülltonnen. Ich war hellauf begeistert. Die Frau meinte, irgendwann seien auch Balkone geplant, und das wäre dann der absolute Sechser im Lotto. Balkon und Badewanne, davon hätte ich mir nie träumen lassen. Meine Betreuerin und ich schauten uns noch etwas in der Gegend um. Die Gegend war überhaupt nicht weit von der Straße weg, in der ich jetzt wohne. Somit würden mir meine Bezüge wie Arzt, Fußpflege und Kosmetikerin erhalten bleiben. In der Nähe war sofort eine Straßenbahnhaltestelle, es gab zwar nur eine Linie und keine zwei wie bei meiner alten Straßenbahn, aber die U-Bahn würde nicht weit weg sein. Wir entdeckten eine Sparkasse, allerdings ohne Personal, es gab nur einen Automaten. Eine Apotheke, ein Briefkasten und auch ein kleiner Supermarkt sind in der Nähe. Wir sahen zwei Becker, eine kleinere Kette mit einer großen Bäckerei und einen kleinen Laden einer Billigkette. Es gibt zwei größere Supermärkte etwas weiter weg, die ich dann nur mit Helferinnen mit Auto erreichen könnte, wenn ich dann größere Einkäufe hätte. So wäre ich also auch gut versorgt. Die Besichtigung war am 22. Juni. Ich war wild entschlossen, ich wollte diese Wohnung. Ich schickte also eine E-Mail an die Genossenschaft, wobei ich über las, dass der zuständige bis 26. Juni in Urlaub sein würde, so wie es in seinem Autoresponder gestanden hatte. Somit hatte ich auf seine Mailbox gesprochen und auf einen Rückruf gewartet. Am Freitag den 23. Juni rief ich dann bei der Vertretung an, die mir aber sagte, ich könne genauso gut am Montag anrufen, wenn der zuständige Sachbearbeiter wieder da sei. Ich befürchtete, dass bis dahin die Wohnung weg sei, aber sie meinte, über das Wochenende würde sowieso nicht viel passieren. Die Mieterin hatte mir außerdem gesagt, dass ein Interessent nach dem anderen eingeladen würde, und wenn ich mich schon für die Wohnung interessieren würde, würden die anderen wahrscheinlich erst gar nicht mehr zu einer Besichtigung eingeladen. Am Montag den 26. rief ich also bei dem man an, der mir ein Angebot für meine Kostenträger der Grundsicherung zuschicken sollte. Damit es schneller ging, gab ich ihm in aller Hektik die Faxnummer meiner Betreuerin durch. Wenn ich telefoniere , kann ich nebenher nichts anderes machen, und bei Stress setzt irgendwie mein Hirn aus, sodass ich die Faxnummer auf einmal, die ich normalerweise immer parat habe, nicht mehr auswendig wusste. Normalerweise merke ich mir Nummern am besten über das Tastenfeld, sodass ich sie gleich wählen oder ins Fax eingeben kann. Ich hatte es extrem eilig, da ich einen Zahnarzttermin hatte, und so nervte es mich, dass ich die E-Mail-Adresse des Sachbearbeiters nicht im Handy sondern nur auf dem PC hatte, obwohl ich ja eigentlich Imap auf dem Handy habe. Ich schaute dann sicherheitshalber noch einmal die Faxnummer meiner Betreuerin nach, aber irgendwie muss mich der Teufel geritten haben, denn es schlich sich schon wieder ein Zahlendreher ein. Allerdings erhielt ich erst am Mittwoch dem 28. davon Kenntnis, wobei mir dann der Sachbearbeiter das Angebot per E-Mail als Anlage zu schickte. Dies leitete ich dann schnell an meine Betreuerin weiter, damit sie es an den Bezirk weiterleiten konnte. Den ganzen Tag versuchte ich, den Sachbearbeiter beim Bezirk zu erreichen, damit er mir den Umzug genehmigen würde, denn beim Empfang von Grundsicherung muss ja der Kostenträger mit dem Wechsel in eine neue Wohnung einverstanden sein. Die Kosten und auch die Anzahl an Quadratmetern ist nahezu gleich. Außerdem konnte ich ihm versichern, dass ich dann auch eine Heizkostenabrechnung erhalten würde, sodass man die entstandenen Heizkosten exakter abrechnen könnte, was vielleicht auch ein Plus für den Kostenträger werden könnte. Es war nur der Stellvertreter des Sachbearbeiters vom Bezirk anwesend, und der versprach mir bei jedem Anruf, der Sachbearbeiter, der meinen Fall unter sich hat, würde zurückrufen. Irgendwann am Donnerstagnachmittag erreichten wir uns dann, und der Sachbearbeiter war sofort bereit, den Wohnungswechsel zu genehmigen und auch die Genossenschaftsanteile mitzutragen. Einen Anteil würde ich selbst finanzieren können, da ich ja hoffentlich meine Kaution zurück erhalte, die ich damals selbst bezahlt hatte, einen Anteil würde ich vom Bezirk als Darlehen bekommen. Denn irgendwann bekomme ich hoffentlich diese Genossenschaftsanteile wieder zurück, falls ich doch aus irgendeinem Grunde wieder ausziehen würde. Am Donnerstag telefonierte ich dann also noch einmal mit dem Sachbearbeiter der Wohnungsbaugenossenschaft, der mir erklärte, dass ich jetzt noch eine Einwilligung zur Einholung der SCHUFA unterschreiben müsste. Die würde er mir per E-Mail zu schicken, die könne ich ausdrucken, ausfüllen und ihm dann per Fax zusenden. Ich wartete und wartete, aber die SCHUFA kam nicht. So suchte ich selbst im Internet und fand ein dem entsprechendes Formular, und ich dachte, dass reicht ja als Vollmacht aus. Am Montag den 3. Juli hatte ich immer noch kein Einwilligungsformular zur SCHUFA erhalten. Meine Betreuerin, die ich ewig nicht erreichte, da ich bei meiner Tandempartnerin für Deutsch und Spanisch keinen Handyempfang hatte, erklärte mir, nachdem ich das Festnetz der Spanierin benutzen durfte, dass die Wohnungsbaugenossenschaft mit der Genehmigung des Bezirks, so wie sie formuliert war, noch nicht ganz zufrieden war. Denn der Bezirk hatte geschrieben, dass er für die Kosten der neuen Wohnung bei einem geplanten Umzug aufkommen würde. Da die Wohnungsbaugenossenschaft aber häufig auch von anderen Kostenträgern genaue Formulierungen erhält, wollte sie die Formulierung in dem selben Wortlaut wie bei den anderen Kostenträgern. So rief ich noch einmal beim Bezirk an und erreichte noch einmal den Sachbearbeiter, der bereits von meiner Betreuerin darüber informiert war, dass er eine andere Formulierung wählen musste, und ich bewunderte ihn, dass er trotzdem noch so viel Geduld hatte. Am Montagnachmittag war wieder meine Helferin da, und wir hatten einen Termin bei meiner Augenärztin, da ich ein Rezept für Mobilitätstraining und eine Braillezeile erhalten sollte. Ich telefonierte mit dem Sachbearbeiter der Wohnungsbaugenossenschaft, der mir sagte, er würde mir jetzt per E-Mail die SCHUFA zuschicken, die solle ich ausdrucken und ausfüllen und ihm dann zufaxen, um 15:45 Uhr würde dann sein Vorgesetzter mir eine Zusage für die Wohnung machen, wenn alles mit der SCHUFA in Ordnung sei. Es war ziemlich dringend, daher hatte ich auch beim Bezirk so hartnäckig um eine Genehmigung an gesucht, denn die Kündigungsfrist würde angeblich bis zum Mittwoch den 5. Juli gehen, also dem dritten Werktag eines Monats. Die SCHUFA kam, wir druckten sie aus, alles schien in Ordnung. Da war aber ein einziges Feld, dessen Bedeutung wir nicht verstanden, es hieß irgendetwas wie Anlage zum Bewerbungsdatum. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Datum, an dem ich mich für die Wohnung beworben hatte, eintragen musste, oder das Datum, an dem ich überhaupt einen Antrag auf eine Wohnung dort gestellt hatte. Außerdem wusste ich den genauen Tag nicht mehr, an dem wir zur Anmeldung für eine Wohnung dort waren, denn gedanklich hatte ich das längst abgehakt, ich war ja dort, hatte alles eingereicht, damit war für mich der Fall erledigt. Meine Betreuerin war nicht mehr da, und die anderen in ihrem Büro konnten mir nicht helfen. Wir versuchten, die Wohnbaugenossenschaft zu erreichen, um nachzufragen, was denn nun genau in dieses Feld hinein sollte. Da der Wortlaut für die Genehmigung, dass ich die Miete finanziert bekomme, so genau sein musste, hatte ich Bedenken, dass die SCHUFA Auskunft nicht akzeptiert würde, wenn wir das Feld freiließen. Ich versuchte es mehrfach, und ich war völlig entnervt, da bei der Wohnungsbaugenossenschaft laufend besetzt war. Irgendwann konnte man überhaupt nicht mehr anrufen, es ertönte überhaupt kein Freizeichen mehr, die Leitungen schienen tot zu sein. Dann erreichten wir irgendwann die Sekretärin, die uns erklärte, dass urplötzlich ganz viele Leute auf einmal anriefen, dass sie nicht wüssten, wo ihnen der Kopf steht, und dass die Telefonanlage gleich zusammenbrechen würde, gleich sei sie wieder tot. Tatsächlich war sie dann weg. Eine halbe Stunde später, nachdem ich dann völlig verzweifelt durch die Wohnung gesprungen war, und meine Helferin schon total genervt von mir war, hatte sie dann die Wohnbaugenossenschaft auf ihrem Handy erreicht und nachgefragt, was in dieses Feld gehörte, wobei man ihr sagte, sie könne es auch weglassen. Wir faxten alles hin, und dann erhielten wir die Aussage, nun sei es zu spät, der Vorgesetzte sei nach Hause gegangen, er könne keine Zustimmung mehr erteilen. Ich war am Boden zerstört. Ich fragte nach, ob das denn nicht am Dienstag den 4. Juli möglich sei, woraufhin man mir sagte, nein, ausgerechnet an diesem Tag sei der alljährliche Betriebsausflug. Ich dachte, hier kann nur der Teufel persönlich im Spiel sein. Ich war furchtbar wütend, verzweifelt und verärgert, ich dachte, irgend einer gönnt mir diese Wohnung nicht. So musste ich mir dann von meiner fünf und 20-jährigen Helferin eine Predigt gefallen lassen, das sei eben das Leben, das gehört dazu, so sind Wohnbaugenossenschaft eben, das passiert halt, dass ist häufig so, diese Schwierigkeiten hätten alle. Man muss aber nicht in jeder Hinsicht immer das Maximum an Problemen haben, die irgendwie möglich sind. Vor dem Hintergrund dessen, dass ich genügend andere Probleme habe, die sich bei mir eher zusätzlich noch auftürmen, wäre es schon mal schön gewesen, wenn es einmal glatt geht. Solche Äußerungen wie, was ist schon normal, bei jedem läuft es doch irgendwie schief, treiben mich dann regelrecht in den Wahnsinn. Sie würde sich nie über irgendetwas ärgern, es bringt ja sowieso nichts, man könne es doch damit sowieso nicht ändern. Irgendwie habe ich häufig das Gefühl, ich habe lauter Maschinen vor mir. Am Mittwoch rief ich dann noch einmal an, wobei dann der Sachbearbeiter, der mein Ansprechpartner war, nicht ans Telefon ging. Ich befürchtete, dass er vielleicht an diesem Tag gar nicht da sein könnte, denn manche Menschen vergessen einfach, eine mitzuteilen, dass sie an diesem oder jenem Tag überhaupt nicht zu erreichen sind. Da ich meistens zuverlässig bin, und dies auch bei anderen voraussetze, habe ich mich schon so häufig über solche Dinge geärgert, dass ich mittlerweile mit allem rechne. Daher rief ich dann mal bei der Pforte an, wobei dort ein Band abgespielt wurde, dass ich außerhalb der Geschäftszeiten anriefe. Diese sah ich jetzt für mich nicht gerade gültig, denn ich war ja mitten im Bewerbungsprozess für die Annahme einer Wohnung, und ich musste ja meinen Sachbearbeiter erreichen können. Ich befürchtete, dass er vielleicht krank sei, und dass sie vielleicht vergessen hätten, sein Telefon umzustellen, oder dass er vielleicht den ganzen Tag außer Haus war, und ich vergeblich bei ihm anrief. Somit wählte ich einfach irgendeine andere Nebenstelle, wobei mir dann eine Frau sagte, dass sie ihn gerade herein kommen sah. Dass sie ihn vielleicht sieht oder sein Büro einsehen kann, hatte ich erhofft, denn die Büros sind dort offenbar so gebaut, dass man die anderen Kollegen sehen kann, so wurde uns z.B. an dem Tag mit der zusammengebrochenen Telefonleitung auch von der Pforte mitgeteilt, dass der Sachbearbeiter noch im Hause sei, er würde gerade herein kommen, sie würde ihn gerade sehen. Das war eigentlich mein Ziel, zu erfahren, ob er überhaupt generell da sei. Außerdem hatte ich die Frau von dieser angewählten Nebenstelle gefragt, ob sie nicht gleich den Vorgesetzten an den Apparat holen könnte, schließlich ging es ja nur noch darum, dass er seinen Segen dazu gibt, den Rest hatten wir sowieso schon erledigt. Sie sah aber gerade den Sachbearbeiter hereinkommen und übergab in den Hörer. Dieser fuhr mich an, was mir einfiel, in der halben Firma herum zu telefonieren, er sei mein Ansprechpartner und sonst niemand. Ich äußerte ihm gegenüber meine Sicht der Dinge, dass ich genauso gut hätte glauben können, dass er gar nicht da ist, worauf er ja ruhig mal hätte einräumen können, stimmt, hätte ja sein können. Stattdessen meinte er nur, ich bin aber dar. Ja schön. Das war ja für seine Verhältnisse nachgerade schon ein Temperamentsausbruch, der zuvor immer so wirkte, als wäre ihm irgendwie alles zu langweilig. Die Dame hatte mir schon zuvor gesagt, dass der Vorgesetzte auch heute nicht im Hause sei, und dass teilte ich dem Sachbearbeiter mit, woraufhin er meinte, das könne genauso gut die andere Kollegin genehmigen. So wartete ich den ganzen Mittwoch darauf und den Donnerstag auch, dass ich nun einen Bescheid erhalten würde. Am Mittwoch den fünften hat dann meine Vermieterin, bei der ich schon mal nachgefragt hatte, ob sie auch eine Kündigung an einem späteren Tag akzeptieren würde, bei mir an. Sie legte mir aber dar, dass der Samstag genauso als Werktag gezählt würde, und somit wäre die Kündigungsfrist am Montag bereits abgelaufen. Ich sagte ihr, auch wenn die Kündigungsfrist sowieso jetzt abgelaufen ist, wäre das dann aber zumindest der Dienstag gewesen, denn der erste Werktag war ein Samstag, der Montag war der zweite, der Dienstag der dritte Werktag. Da ich ja nicht Recht haben darf, fuhr sie mich an, das würde er jetzt auf die Nerven gehen. Ich wollte sie natürlich nicht verärgern, denn es war ja wichtiger, nicht ihren guten Willen kaputtzumachen, auch wenn ich dann ausnahmsweise mal Recht behalten hätte. Sie meinte, ich solle ihr Bescheid geben, sobald ich etwas Neues erfahren würde, man könnte ja über alles reden. Der letzte Satz lässt hoffen. Wenn nicht, müsste ich bis Ende Oktober zahlen, und da die Wohnbaugenossenschaft ab 1. August die Wohnung neu vermieten möchte und trotz des kurzfristigen Angebotes sich nicht auf September einlassen wollte, muss ich drei Monatsmieten doppelt bezahlen. Ich hoffe also, dass meine Vermieterin mir hier entgegenkommt, es gibt ja sehr viele Interessenten, die eine Wohnung suchen. Ich wollte dann die Rechtslage genau wissen und erkundigte mich bei dem Sachbearbeiter der Wohngenossenschaft, der meinte, ob der Samstag ein Werktag sei oder nicht, sei eine Streitfrage. Bei ihnen zähle der Samstag nicht als Werktag. Ich bin mal gespannt, ob das dann auch noch so ist, wenn ich dort einmal ausziehe. Meine Betreuerin rief mich daraufhin an und meinte, sie habe nachgeschlagen, der Bundesgerichtshof habe ausdrücklich entschieden, dass der Samstag ein Werktag sei, die Streitfrage beziehe sich lediglich darauf, ob der Samstag, wenn er der dritte Werktag eines Monats war, dann zählen würde oder nicht, da es einem Mieter nicht zuzumuten sei, am Samstag einen Vermieter erreichen zu können. Somit sagt mir jeder etwas anderes, kein Wunder, dass ich mir überhaupt nichts mehr merken kann. Am Donnerstag den 6. Juli hatte ich in allen Dingen Glück, es lief alles glatt. Hatte ich am Dienstag den 4. Juli noch um jedes einzelne Rezept bei meiner Ärztin kämpfen müssen, da laufend Stärke, Firma und Anzahl der Tabletten falsch waren, und wir zweimal in die Praxis mussten, erhielt ich einen Nachzügler, der mir erst jetzt langsam zur Neige ging, problemlos, obwohl die Praxis gerade bei der Abrechnung war. Zuvor hatte ich bei unserem Radiosender, wo wir unsere Sendung für blinde und Sehbehinderte machen, einige Interviews abgeliefert, auch hier hatte ich den Weg problemlos gefunden, ich bin nicht in die U-Bahn gefallen dank des wunderbaren Gitterrost, das vor der Treppe ist, und ich bin auch nicht, weil ich immer einen großen Bogen darum mache, um nicht reinzufallen, gleich wieder in die falsche Richtung gelaufen. Da es mir körperlich gut ging, wagte ich den "Marsch“ ein paar Haltestellen weiter zu meiner Ärztin, sodass ich nicht mit der Straßenbahn fuhr, da das Wetter wunderschön war, alle Menschen waren gut drauf, alle waren gut gelaunt, hilfsbereit und fröhlich. Ich rief also gleich in der Praxis an, dass ich jetzt kommen würde, und mir wurde problemlos das Rezept ausgestellt. Danach brachte mich die nette Sprechstundenhilfe, die mit einem meiner Taxifahrer gut bekannt ist, direkt über die Straße zur Fußpflege. Dort hatte ich eine nette Kosmetikerin, mit der ich mich sehr gut unterhalten kann, und der erzählte ich gleich, wie viel Glück ich heute schon hatte, da könne es ja mit der Wohnung nur noch klappen. Als ich dann zu Hause war, erhielt ich einen Anruf, dass ich nicht 1700 sondern nur 1007 EUR an Haushaltshilfe nachzahlen müsste. Denn seit August hatte ich eine Haushaltshilfe von unserem Verein, die aber leider vom Bezirk nicht bezahlt wurde, sondern der Bedarf wurde zur Hälfte erst ab März 2017 anerkannt. Obwohl wir den Antrag bereits im August gestellt hatten, gab es keine rückwirkende Zahlung der Haushaltshilfe, sodass ein größerer Batzen an Nachzahlung anfiel. Aber die Buchhalterin rief eben an und meinte, sie habe sich verrechnet, ich müsse 700 EUR weniger zahlen. Solche Anrufe erhält man nicht häufig im Jahr. Ich wartete also auf den positiven Anruf wegen der Wohnung. Dieser blieb aber leider aus. Da ich am Donnerstag noch nichts gehört hatte, überlegte ich, ob ich noch einmal wegen des Vorgesetzten bei der Wohnbaugenossenschaft nachfragen sollte. Es war ein Balanceakt, einerseits wollte man niemandem auf die Nerven gehen, andererseits musste man sich auch drum kümmern. Eine meiner Taxifahrerinenn meinte, man solle dies wachsen und werden lassen, ich hätte jetzt schließlich meinen Willen kundgetan, die wissen jetzt, dass ich an der Wohnung interessiert sei, sonst würden die noch denken, die nehmen wir nicht, das ist ja eine Nervensäge. So rief ich am Freitag also noch einmal an und erfuhr, der Vorgesetzte wollte unbedingt noch einige Einkommensnachweise von mir haben, dann würde er eine Entscheidung treffen. Ich dachte mir, warum muss ich da extra anrufen und nachfragen, und warum werde ich nicht von dort aus direkt angerufen, dass man diese Nachweise noch braucht. Hinterher dämmerte es mir, dass wir eigentlich alle Einkommensnachweise schon vorgelegt hatten, zumindest zur Ansicht, als wir den Antrag auf eine Wohnung stellten. Dies war bei einigen Wohnbaugenossenschaften üblich, wo man direkt hinkommen muss, die Einkommensnachweise vorlegt, und die Dame oder der Herr hinter dem Tresen ein Häkchen macht, alles gesehen zu haben. Wäre ich also nicht liquide genug gewesen, diese Wohnung zu finanzieren, hätte ich ja sowieso keinen Eintritt in diese Wohnungsbaugenossenschaft bekommen. Daher befürchtete ich, dass sie mich vielleicht einfach nicht haben wollten, dass sie eventuell Bedenken haben könnten, dass ich das mit meiner Behinderung nicht schaffe. Auf der anderen Seite lebe ich schon seit vielen Jahren alleine, und ich bin ja mit Hilfe und Unterstützung und Assistenz zum Bewerbungsgespräch für eine Wohnung gekommen, sodass jeder weiß, dass ich genügend Unterstützung habe, mein Leben in einer eigenen Wohnung fortzuführen. Am Montag war ich wieder bei meiner Spanierin, wobei ich nicht wagte, noch einmal in der Wohnungsbaugenossenschaft anzurufen, da ich fürchtete, wieder nur zu hören, dass der Vorgesetzte noch irgendwelche Dinge von mir bräuchte, oder dass der Vorgesetzte nicht da sei, oder dass er noch nicht entschieden hätte. Somit fragte ich meine Betreuerin, ob sie vielleicht am Dienstag noch ein mal nachfragen könnte. Als ich am Dienstag mit meinem Handy eine Tätigkeit ausführte, hörte ich auf einmal von meiner Sprachausgabe die Nachricht, sie haben eine neue E-Mail erhalten. Ich schaute in mein Postfach, und da war er dann, der Vorvertrag. 5 Minuten zuvor hatte ich noch mit meiner Betreuerin darüber telefoniert und überlegt, was wir denn jetzt tun könnten, ob es klappt oder nicht. An diesem Tag war mein Mobilitätslehrer dar. Denn unmittelbar, nachdem ich die Wohnung besichtigt hatte, hatte ich ihn angerufen und nachgefragt, ob er sich mit mir vielleicht einmal die Gegend ansehen könnte, um eventuelle Fallstricke oder Schwierigkeiten bei der Bewältigung bestimmter Wege abzuklären. Er meinte, die Gegend sei besser als meine jetzige, sie sei genauso multikulturell, aber es sei eben nicht so chaotisch. Man kann eigentlich überall bequem eine Hauswand entlang gehen, sozusagen an der inneren Leitlinie, ohne, dass einem irgendwelche Bistrotische, Stühle, Bänke, Aufsteller oder Kleiderständer im Weg stehen. Die Gegend ist ruhig, dennoch gibt es genügend Angebote, um sich für sein tägliches Leben zu versorgen. In dem kleinen Supermarkt ist auch eine Metzgerei, sodass alle notwendigen Lebensmittel und Versorgungsstellen vorhanden sind. Das war eigentlich das Hauptkriterium, dass ich noch brauchte, um mich für die Wohnung definitiv zu entscheiden, ehe ich den langwierigen Prozess, den ich weiter oben beschrieben hatte, auf mich nehmen würde. Am Dienstag den elften kam also mein Mobilitätslehrer zum zweiten Mal, wobei ich bis kurz vor diesem Termin ja noch nicht einmal wusste, ob es mit der Wohnung klappen würde. 2 Stunden zuvor hatte ich also den Vorvertrag erhalten, und mein Mobilitätslehrer und ich druckten ihn aus, und ich unterschrieb. Hiermit, so wurde mir gesagt, hätte ich definitiv ohne die Möglichkeit, noch einen Rückzieher zu machen, die Entscheidung für diese Wohnung gefällt. Das war ja sowieso das, was ich wollte. Wir hatten Mühe, das Dokument zu faxen, und ich bin fast verrückt geworden. Es bedurfte mindestens fünf Anläufe, bis wir das Fax endlich durch bekamen. Einmal hatte ich nicht bemerkt, dass auf der Ablage noch ein anderes Papier lag, nämlich die alte SCHUFA Auskunft, beim zweiten Versuch bekamen wir kein Amt, so das der Wählvorgang ins Leere lief, beim dritten Mal zog sich das Blatt schief ein, bis dann mein Mobilitätslehrer seine Lesebrille holte, da er nicht wie ich in der Lage ist, den Ziffernblock mit den Händen zu ertasten. Sehende tun das normalerweise nicht, mir war gar nicht klar, dass man da solche Schwierigkeiten haben kann. Aber ich habe hingegen wieder die Probleme der Feinmotorik, sodass ich dieses Gerät nicht mehr ohne fremde hilfeanfasse. Denn jedes Mal zieht sich das Papier falsch ein, oder es passiert irgend eine andere Sache, sei es, dass ich mich verwähle, oder sei es, dass die Verbindung zum Router nicht zustande kommt, oder sei es, dass irgend eine andere Sache mit dem Gerät schief geht. Daher zittere ich schon, und mir wird übel, wenn ich nur vor diesem Faxgerät überhaupt stehe. Schade, eigentlich war es ja dafür gedacht, mir die Arbeit zu erleichtern. Denn es kann auch scannen, kopieren und es ist auch ein sehr guter Laserdrucker. Der große Vorteil ist, dass ich Word Dokumente direkt vom PC aus über die Druckerfunktion an das Fax schicken kann. Meine Unterschrift habe ich, zu Zeiten, als ich noch besser sehen konnte, einmal ein gescannt, sodass ich sogar, ohne die Sachen aufs Fax legen zu müssen, unterschriebene Post faxen kann. Das Ausdrucken funktioniert ganz gut, aber beim Scanvorgang geht auch immer einiges schief, da ich blind durch das Menü gehen muss, mehrfach auf o. k. drücken muss, dies dann mit zähle, so das irgendwann der Scanvorgang beginnt. Dabei gibt es zahlreiche Fehlerquellen, wie man andere Menüpunkte verstellen kann, sodass beim nächsten Ausdruck die Schriftart oder etwas anderes verändert ist. Nachdem wir also den Vorvertrag gefaxt hatten, konnten wir mit dem Mobilitätstraining beginnen, und das erste, was ich tat, war ein Antrittsbesuch in der nahe gelegenen Bäckerei dort, die auch einige Bistrotische und zwei Barhocker innen und ein paar Tische und Stühle draußen hat. Da kann man aber nicht drüber fallen, da die Bäckerei etwas nach innen versetzt ist. Nun heißt es also, den Umzug planen. Ein Freund von mir, der mit mir an der Dialyse war, empfahl mir eine Umzugsfirma, mit der er schon dreimal gute Erfahrungen gemacht hatte. Die habe ich nun kontaktiert, die werden sich am Montag alles anschauen. Unser Elektriker von unserem Verein mit den Helfern hat mir auch schon angeboten, sobald er ab dem 14 August aus dem Urlaub zurück ist, meine Lampen und Ventilatoren und andere elektrische Dinge in die neue Wohnung zu bringen und dort anzuschließen. Mein Bekannter aus dem Schwarzwald, mit dem ich eigentlich dieses Jahr endlich nach Schwarzach bei Bregenz fahren wollte, hat ein neues Auto bekommen. Er wird zu mir zu Besuch kommen, und wir werden einige kleinere und leichtere Teile ins Auto packen und schon einmal in die neue Wohnung rüber fahren. Dies ist auch ein guter Anlass, einige Dinge auszumisten . Bei jedem Trumm frage ich mich jetzt, wirst Du mit in die neue Wohnung kommen, oder will ich Dich gar nicht mehr? Meine alten Videokassetten, die ich überhaupt nicht mehr anschaue, da sowieso alles wiederholt wird oder auf DVD heraus kommt, werde ich entsorgen. Einige der Schallplatten kommen weg, einige Hörbücher werden verkauft, hierfür habe ich auch schon Tipps, wo man Secondhandläden zu diesem Zweck findet. Jetzt werde ich es auch endlich übers Herz bringen, meine alten Wörterbücher und Lexika, die ich ohnehin nicht mehr lesen kann, und die teilweise noch aus meiner Studentenzeit stammen, zu entsorgen. Denn damit ist es endgültig besiegelt, ich kann keine Schwarzschrift mehr lesen, jetzt ist es eben Zeit für die Braillezeile. Vor diesem Schritt habe ich mich lange gescheut, obwohl ich die meisten meiner Schwarzschriftbücher schon vor Jahren entsorgt habe. Aber an den Büchern und Fachbüchern hingen eben noch alte Erinnerungen an meine geistig aktive Zeit, als ich noch in die Wörterbücher schauen konnte, und all dies ist jetzt eben wirklich vorbei. Das Ganze wird wahrscheinlich alles recht chaotisch, und teilweise werde ich wahrscheinlich während der Umzugsphase viele Dinge gar nicht finden, so genau kann man das ja oft gar nicht organisieren, was noch in der alten und was schon in der neuen Wohnung ist, oder was noch nicht ausgepackt ist, ob es ganz zuunterst in welcher Kiste steckt usw.. Ich kann nur hoffen, dass die Sache nicht ganz so schwierig abläuft, wie der Erwerb der Wohnung. Dennoch bin ich froh, dass wir es geschafft haben, und dass ich diese wunderschöne Wohnung bekommen habe. Vielleicht gibt es bei dem Einzug auch immer sieben Schritte pro Woche, denn es gibt einen total lustigen und schönen Namen, der so ähnlich klingt, daher sind wir auf dieses Wortspiel gekommen. Und ich kann nur hoffen, wenn es irgendwelche Probleme gibt, sei es, dass etwas repariert werden muss, oder sei es die Nebenkostenabrechnung, dass dies problemlos vonstatten geht. Die Heizkosten muss ich mit unserem städtischen Elektrizitätswerk abrechnen, wo ich auch meinen Naturstrom her beziehe. Dann muss ich noch mein Kabel ummelden und mein Telefon, wobei ich ja zum Glück noch ein Handy mit einer Flatrate habe. Die Küche ist ja größer als meine alte, sodass ich jetzt endlich einen richtigen Elektroherd haben werde. Denn bisher habe ich einen kleinen Ofen und zwei Kochplatten. Wenn ich kleinere Dinge aufbacke, kann ich zur Energieersparnis immer noch diesen kleinen Ofen verwenden. Die Kochplatten haben aber nach 18 Jahren nun wirklich ihren Dienst getan. Als fast blinde ist wahrscheinlich ein Induktionsherd schwierig, da man häufig ein berührungsempfindliches Bedienfeld vor sich hat mit einem digitalen Display. Die paar Herde, die für blinde geeignet sind, sind extrem teuer. Ein Cerankochfeld ist auch nichts für blinde, denn man weiß nie, wo die Grenze ist, da man die Ringe ja nicht ertasten kann oder wahrscheinlich auch nicht ertasten sollte, da sie heiß werden. Somit kommt der gute alte Elektroherd für mich in Frage, dessen Knöpfe man auch mit Einstufungen bequem drehen kann, um eine Orientierung zu haben. Meinen alten Frostwürfel, eine Gefrierbox , werde ich wahrscheinlich ausrangieren, sobald ich wieder mehr Geld habe. Dann hätte ich gerne einen richtigen Gefrierschrank, denn da passt dann auch mehr rein. Die Hauptsache ist, dass man alle Dinge schön nebeneinanderstellen kann, so, dass man oben eine Arbeitsplatte draufmacht, um alles gut abwichen zu können. Das seit Board, dass ich jetzt in der Essecke stehen habe, kommt dann ebenfalls in die Küche. Endlich habe ich genügend Platz für meine Geräte, mit denen ich Kaffee zubereite, wie zum Beispiel meine normale Kaffeemaschine und meine elektrische Mokkamaschine. Vielleicht bekomme ich sogar von der Wohnbaugenossenschaft eine Spüle, vielleicht kann ich aber auch zumindest das Oberteil meiner alten Spüle mitnehmen. Mir wurde schon gesagt, dass es Möglichkeiten gibt, diese Dinge nach Wohnungsauflösungen gebraucht zu erhalten. Zumindest die Elektrogeräte, eine Spüle ist ja nicht ganz so teuer. Ich wünschte, ich müsste nur mit dem fingerschnippen, und ich wäre schon in der neuen Wohnung. Da kommt noch einiges auf mich zu. Letztes Jahr war es die neue Niere, da musste man auch durch, bis endlich alles saß. Mittlerweile fühle ich mich, dreimal unbeschrien, fast wieder ganz normal, ganz fit, ich mache sehr viele Fortschritte in der Ergotherapie und Physiotherapie, und abgesehen von meinem starken Augenflimmern und dem furchtbaren Farbsehen und den Farbschleiern fühle ich mich relativ gesund. Die Leistungsfähigkeit muss noch etwas gesteigert werden, und die Kraft und die Ausdauer, aber vielleicht wird das auch noch. Jetzt ist also der Umzug dran, auch hier wird man durch müssen, auch hier wird es manche Kämpfe aus zu Fechten geben, bis dann endlich alles so sitzt und passt, wie ich es mir wünsche. Ich hoffe, dass danach dann endlich mal Ruhe ist. Ich mag Veränderungen, ich mag auch positiven Stress, wahrscheinlich kann ich gar nicht ohne positive Unruhe leben. Aber irgendwann muss man auch mal wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Samstag, 24. Juni 2017

Zähne fest zusammenbeißen!

Nachdem ich im März endlich die Krone für mein Implantat bekommen hatte, was im Gegensatz zum letzten (siehe Blogeintrag "Ich habe gezahnt") Mal relativ schnell von statten ging, aber mit vielen Schmerzen verbunden war (siehe den Beitrag Anführungszeichen Die Krone der Erschöpfung Anführungszeichen), dachte ich, jetzt hätte ich erst einmal Ruhe. Einer der Ärzte meiner vorherigen Zahnarztpraxis hat eine eigene aufgemacht, und ich wollte, da er ein sehr sanftmütiger Zahnarzt ist, und da er auch als Mensch sehr freundlich ist, ihm sozusagen nachfolgen. So stellte ich mich in seiner Praxis vor, da ich einmal wieder eine Zahnarztkontrolle nötig hatte. Denn ich hatte noch einige Schmerzen, da ich aufgrund meiner Probleme mit den Augen und der Feinmotorik schlecht mit Zahnseide umgehen kann und daher die Zwischenräume nicht gut reinigen kann. Somit bilden sich gerade an den Stellen, an denen ich die zwei Implantate habe, immer wieder Entzündungen, aber auch andere Stellen sind von Zahnfleischentzündungen betroffen. Als ich zum Beispiel am 8. Februar in der vorherigen Praxis war, um die Krone zu bekommen, war sie ja noch nicht da, und damit ich nicht umsonst gekommen wäre, hat sich die Zahnärztin trotzdem einmal mein Gebiss angesehen und eine kleine Unregelmäßigkeit in einer der alten Füllungen gefunden, die sie dann austauschte. Ich klagte auch darüber, dass genau im Unterkiefer an derselben Stelle, auch am Zahn Nummer sechs, dauernd Speisereste hängen bleiben. Sie meinte, da ich sowieso jetzt gerade außerplanmäßig behandelt würde, hätte sie jetzt nicht noch die Zeit, sich das anzuschauen, und ich sei sowieso schon mit einem Zahn bedient genug, ob ich denn jetzt noch den Wechsel einer zweiten Füllung aushalten würde. Das verneinte ich natürlich und war froh, wieder gehen zu können. Sie meinte, das sei ein kleines Problem, das könne man irgendwann anders einmal angehen. Ich zeigte also dem Zahnarzt in der anderen Praxis diese Stelle, da ich dachte, das sei vielleicht nur ein kleines Problem, dass man schnell beheben könnte. Da meinte er, die alte Füllung sei kaputt, da würde eine neue Füllung nicht mehr ausreichen, da müsse eine Krone drauf. Schon wieder eine Krone! Er meinte, er würde das alles für mich beantragen. Ich dachte, das wird ja dieses Mal ziemlich einfach, da mir die Arbeit der Beantragung abgenommen wird. Nach einer Weile kam dann die Genehmigung der Krankenkasse für einen Zuschuss zu einer Krone. Zwischendurch habe ich noch eine professionelle Zahnreinigung durchführen lassen, die von meiner neu abgeschlossenen Zahnzusatzversicherung problemlos bezahlt wurde. Die werden an mir wohl nicht reich. Denn ich habe ja eine Zahnzusatzversicherung für 39 EUR pro Monat abgeschlossen, die aber 90 % von den Leistungen und dem Zahnersatz übernimmt, den die Kasse nicht bezahlt. Ich hoffe, dass sie das jetzt machen, da ich eine Keramikkrone ausgesucht habe, die dann auch besonders schön zu den restlichen Zähnen aussieht, wie ich das eben auch bei den anderen Zähnen gemacht habe. Nach einer Weile bekam ich dann die Genehmigung der Krankenkasse, aber leider nicht den doppelten Zuschuss für die Härtefallregelung, sondern ich erhielt nur den einfachen Festzuschuss. Somit riefen wir bei der Kasse an und fragten nach, warum ich nicht die Härtefallregelung bekommen würde. Leider war natürlich mein Grundsicherungsbescheid nur bis Ende Februar gültig, und im März war ein neuer gekommen. Die Kasse hatte also den doppelten Festzuschuss wegen Härtefall für die vorherige Krone noch auf Basis des alten und damals noch gültigen Grundsicherungsbescheides bewilligt, aber da der Kasse ja jetzt keine Aktualisierung des Grundsicherungsbescheides vorgelegen hatte, haben Sie nur den normalen Festzuschuss genehmigt. Die Sachbearbeiterin und ich machten daher aus, dass ich eine Kopie meines neuen Grundsicherungsbescheides und das Original des Heil- und Kostenplans der Kasse zuschicken würde. Das mit dem Original wollte meine Helferin so, ich war eigentlich dafür, der Kasse einfach eine Kopie des Heil- und Kostenplanes und ihrer eigenen Genehmigung zuzuschicken, da sie ja selbst die Genehmigung geschickt hatten, und der Zahnarzt ja das Original der Genehmigung brauchte, wenn ich das nächste Mal kommen würde. Die Kasse meinte, ich könne bereits mit der Behandlung beginnen, obwohl ich erst nur den einfachen Festzuschuss genehmigt bekommen hätte, man würde mir dann einfach den doppelten Festzuschuss genehmigen, das würde ja am Honorar des Arztes nichts ändern. Ich rief also bei der Zahnarztpraxis an und fragte, ob ich unbedingt das Original der Krankenkasse mitbringen müsste, oder ob eine Kopie reichen würde. Natürlich wollte sie das Original, das war mir von vornherein klar. Meine Helferin schlug dann vor, erst die Kopie mitzubringen, und das neue Original, welches dann ja den doppelten Festzuschuss enthalten würde, nachzureichen. Damit war die Sprechstundenhilfe einverstanden. Ich dachte, damit sei der Fall erledigt. Zwei Tage später kam dann tatsächlich von der Kasse ein Antragsformular auf den doppelten Festzuschuss bei mir an. Ich rief an und fragte, warum denn nun doch ein Antrag ausgefüllt werden müsste, man habe doch vereinbart, dass ich einfach nur den Grundsicherungsbescheid und den Heil- und Kostenplan schicken müsste. Die Sachbearbeiterin schaute in den Computer und stellte fest, dass mein Grundsicherungsbescheid und der Heil- und Kostenplan auch schon bei der Hauptstelle der Kasse angekommen sein. Ich solle also den Antrag erst mal liegen lassen, wenn ich in zwei Wochen nichts hören würde, sollte ich noch mal nachfragen, wahrscheinlich müsse ich ihn nicht mehr ausfüllen. Zum Glück kam dann auch eine Woche später die Genehmigung für den doppelten Festzuschuss. Ich ging ganz unbedarft an die Sache heran und dachte, wenn ich den einfachen Festzuschuss bekomme, müsste der doppelte Festzuschuss nun auch doppelt so hoch sein. Dies war aber nicht der Fall, er war nicht ganz so hoch, das machte mich stutzig. So rief ich also bei der Krankenkasse an, bzw. meine Helferin, denn zwischendurch hatte jemand anders angerufen, weil wir noch etwas anderes mit irgendwelchen Ämtern regeln mussten. Ich kam mir vor wie in einem Callcenter, meine Helferin telefonierte mit der Krankenkasse, während ich am anderen Apparat auch bürokratische Dinge regelte. Es war etwas schwierig, bei meinem Gespräch zu bleiben, da ich die Angewohnheit habe, während ich mich mit jemandem unterhalte, automatisch das Gespräch meines Nachbarn mit anzuhören, besonders dann, wenn es sich um etwas handelt, was mit mir zu tun hat. Ich hörte noch, wie meine Helferin sagte: „Sie hatte sich eben mehr erwartet.“ Diese Formulierung fand ich etwas ungeschickt, zumindest hörte sich das so an, als würde sie mich nicht vertreten, sondern als würde sie mich entschuldigen. Besser wäre es, wenn sie einfach gesagt hätte: „Sie hatte gedacht, dass der Festzuschuss, wenn er doppelt so hoch war, auch doppelt so hoch ausfallen würde. Daher waren wir stutzig und wollten noch mal nachfragen.“ Als ich dann auflegte, erklärte mir meine Helferin das Folgende: man bekommt den einfachen Festzuschuss zzgl. 30 % Bonus. Wenn man den doppelten Festzuschuss erhält, fällt der Bonus wieder weg. Das finde ich sehr schade, denn jemand, der aus finanziellen Gründen den doppelten Festzuschuss braucht, braucht ja die Hilfe, und daher ist das blöd, wenn man dann wiederum auf den Bonus verzichten muss. Aber nun denn, wenn es halt so ist, kann man nichts machen. Den Rest werde ich halt bei meiner Zahnzusatzversicherung einreichen. Prompt rief dann die Sprechstundenhilfe aus der Zahnarztpraxis ein paar Tage später an und meinte, ihr fehle das Original, warum ich denn nur eine Kopie beim letzten Mal mitgebracht hätte. Ich war etwas verwundert, da ich ja genau dies bei meinem letzten Anruf dort abgeklärt hatte. Ich sagte, dass ich noch klären müsste, ob ich nur den einfachen oder den doppelten Festzuschuss erhalten würde, daher hatten wir das Original noch einmal an die Kasse zurückgeschickt und extra in der Praxis nachgefragt, ob wir zunächst einmal eine Kopie mitbringen und dann das Original für die Genehmigung des doppelten Festzuschusses nachreichen könnten. Ich hatte das Original sowieso schon in der Tasche, da ich es zum Zahnarzttermin sowieso mitbringen wollte. Bei dem Termin für die professionelle Zahnreinigung, bei der wir auch Zahnfleischentzündungen eliminieren wollten, damit sich bei der Behandlung für die Krone nichts entzündet, sollte ich auch ein Antibiotikum nehmen, da ich ja aufgrund der Immunsuppression gefährdeter bin, eine Infektion zu bekommen. Der Nephrologe hat mir ein Rezept zugeschickt, ich bekam auch sofort das Antibiotikum, so, dass ich es pünktlich auch zur professionellen Zahnreinigung morgens und abends einnehmen konnte. Denn auch hier kann das Zahnfleisch verletzt werden, da doch ziemlich stark herumgewerkelt wird. So habe ich es dann auch an dem Tag eingenommen, als mein Zahn abgeschliffen wurde. Blöderweise hatte ich vergessen, es abends dann noch einmal einzunehmen, da mein Gedächtnis ja bekanntermaßen ziemlich schlecht ist. Daher hatte ich dann etwas Sorge, weil ich mich etwas grippig nach der Behandlung fühlte. Die Behandlung an sich war nicht ganz so schlimm, der Quadrant wurde betäubt, noch habe ich natürlich etwas gespürt, da immer kleine Nerven von irgendwo doch noch herkommen. Aber es war auszuhalten, und da ich ja einen Chigong Kurs belegt hatte, machte ich im Geist einige der Übungen, um mich irgendwie abzulenken und zu beruhigen. Das klappte sehr gut. Die Sprechstundenhilfe war sehr einfühlsam, da mehrere Abdrücke gemacht werden mussten. Sie gab mir auch den Tipp, immer durch die Nase zu atmen, denn, wie sie feststellte, sei die Nase nicht nur dazu da, dass man die Brille draufsetzt. Wir machten auch aus, dass ich dreimal mit dem Fuß auf die Liege klopfen würde, wenn ich es nicht mehr aushielte. Zunächst kam einmal der normale Abdruck mit Alginat dran, das ist das Zeug, das irgendwie auch ziemlich nach Gras schmeckt. Der Abdruck wurde oben und unten gemacht. Gnädigerweise nahm sie unten nur einen halben Löffel, da sie mich schonen wollte. Dann kam noch ein Abdruck aus Silikon, und dann kam noch diese Paste, die einfach zwischen die Zähne geschoben wird, wobei man den Mund eine Weile zulassen muss, und dann diese Paste abgemacht wird. Der Zahnarzt kam dann, und er hatte eine Turbine, die tausendfache Umdrehungen leistete, und die auch etwas nach Feuer roch, so das laufend Wasser dazu gespritzt werden musste. Es war auszuhalten, schön war es natürlich nicht. Dann wurde noch einmal ein Abdruck gemacht, wobei es eine Zeit lang dauerte, bis ich kapiert habe, wieso der für das Provisorium notwendig war. Es gibt ja den Abdruck mit dem normalen Zahn, danach wird er ja verkleinert, und dann wird noch mal ein Abdruck gemacht. Dann weiß man, wie groß der Zwischenraum ist, der mit Silikon gefüllt werden muss, das ist dann der Kunststoff, der für das Provisorium verwendet wird, oder so etwas Ähnliches wie Silikon. Es wurde dann auch noch ein Abdruck gemacht, bei dem es wirklich ernst wurde, wo sie mir sagte, ich müsse jetzt so festzubeißen wie nur möglich, und ich dürfe nicht wackeln, sonst müsse man den Abdruck noch mal machen. Ich drückte mit aller Kraft die Kiefer zusammen und half noch mit der Hand nach, und sie lobte mich für meine gute Mitarbeit. Danach setzte sie mir das Provisorium ein, allerdings passte es zunächst ganz gut, als sie dann aber den Kleber dazu gab, hatte ich das Gefühl, dass es auf einer Seite etwas hoch war. Sie beließ es aber dann dabei und meinte, das seien halt Zähne. Ich dachte, eine Woche werde ich das schon aushalten. Insgesamt war ich aber recht zufrieden, dass ich jemand so einfühlsames an meiner Seite hatte, sodass ich nicht würgen musste, was sie auch sehr stolz bemerkte, denn sie drohte mir vorher, dass sie dann auch erbrechen müsste, wenn sie das Geräusch hört. Das wollten wir natürlich beide vermeiden. Ich sollte nun wegen des Feiertages bis zum 23. warten, normalerweise wäre sonst die Krone schon am 16. dagewesen. Ich hatte ganz schön starke Schmerzen, die dann aber auch noch immer schlimmer wurden. Daher befürchtete ich, dass vielleicht das Provisorium herausgebrochen und dadurch Schmutz eingedrungen wäre, und der Zahn vielleicht nun bis zur Wurzel abgefault sei, und wir das nächste Mal dann auch noch eine Wurzelbehandlung machen müssten, oder dass der Zahn vielleicht ganz raus muss. Denn ich hatte dauernd das Gefühl, dass ich irgendwie eine Infektion im Anzug hätte, so als ob irgendeine Entzündung in meinem Körper toben würde, und der Zahn schmeckte etwas eklig. Außerdem habe ich seit zwei Wochen starke Gelenkschmerzen und Rückenschmerzen. Das kommt bei mir immer, wenn ein Infekt ausgebrütet wird, oder wenn sich das Wetter ändert. Am Freitag wollte ich eigentlich zum deutschen Humanistentag und hatte das Taxi schon vorbestellt. Ich sagte zur Taxifahrerin, ehe wir jetzt dorthin fahren, rufen wir bitte noch beim Zahnarzt an, ob ich vielleicht lieber dorthin gehe. Die Sprechstundenhilfe hielt kurz Rücksprache mit dem Arzt, und dann kam sie wieder und meinte, das sei normal, das sei nur das Zahnfleisch. Ich dachte mir, Du hast Deine Pflicht getan, mehr als anrufen kannst Du nicht, jetzt fahre ich einfach zu dem Humanistentag. Die Gelenkschmerzen wurden zwar immer stärker, und ich malte mir schon aus, wie schrecklich das nun werden würde, wenn ich am Freitag den 23. wieder auf die Schlachtbank müsste, aber was sein muss, muss halt sein. Zum Glück wurde ich angenehm überrascht. Als ich dort ankam, rückte ich gleich die Genehmigung für den doppelten Festzuschuss heraus. Am Telefon hatte mir die Sprechstundenhilfe Folgendes erklärt: normalerweise wird nur irgend so eine Blechkrone bezahlt, den Namen hab ich jetzt schon wieder vergessen. Das wäre der normale Zuschuss. Wenn man den doppelten Festzuschuss hätte, würde diese Krone ganz finanziert, beim einfachen Festzuschuss bliebe noch etwas übrig. Wenn man aber den doppelten Festzuschuss hat, aber dann eben eine Keramikversion möchte, bleibt eben noch eine Menge übrig. Mir war aber immer noch nicht ganz klar, wie viel Prozent denn nun dieser Festzuschuss betragen würde, das wären ja dann eigentlich 50 % einer ganz einfachen Blechkrone. Denn der doppelte Festzuschuss beträgt ja 100 % der Blechkrone. Das erklärt aber immer noch nicht, was dies mit den 30 % auf sich hat. Ich vermute, die 30 % Bonus sind dann 30 % vom einfachen Festzuschuss, also 30 % der 50 % des Gesamtbetrages für eine Blechkrone. Man würde dann also 100 % einer Blechkrone kriegen, so dass man bei einer Blechkrone im Härtefall gar nichts zahlen müsste, wenn man sich damit zufriedengibt. Der 30-prozentige Bonus fällt weg, wenn man den doppelten Festzuschuss in Anspruch nimmt, da der Rest, den man dann noch für eine bessere Variante zahlen muss, ja Luxus ist, und den zahlt ja die Kasse nicht. Wenn ich das gerade so schreibe, kommt mir erst jetzt das Verständnis dafür, ich hoffe, dass dies so richtig ist. Die letzten beiden Male blieb mir wenig zu zahlen übrig, obwohl ich da auch die Keramikausführung gewählt hatte, und da hatte ich den Eindruck, dass der doppelte Festzuschuss tatsächlich das Doppelte vom einfachen war, und dass keine 30 % Bonus wieder abgezogen wurden. Das kommt einem aber auch deshalb so vor, da die Preise so stark variieren, und somit auch der Eigenanteil. Denn es hängt ja auch mit dem Labor, dem Material und den dem Zahn zusammen. Dies wird wahrscheinlich immer eine Wissenschaft für sich bleiben, denn es kommt auch darauf an, ob der Zahn in der Mitte ist, ob er unten oder oben ist, was man beim Lächeln davon sieht, und ob es sich normalerweise um eine Brücke handelt, oder ob es eine einzelne Krone ist. Denn bei einer Brücke, die sich über den Vierer, den Fünfer und den Sechser erstreckt, wird der Sechser trotzdem bezahlt, obwohl er nicht sichtbar ist, da ja die gesamte Brücke bezahlt wird. Wenn es eine Krone für ein Implantat ist, dann wird wiederum nur die Blechversion bezahlt, wenn der Zahn sich in einem Bereich befindet, den man beim Lächeln nicht sieht, aber man muss bei Implantaten immer eine Keramikkrone verwenden, daher wird es immer teurer. Irgendwie wird dann doch immer eine Brücke verrechnet, da Implantate selbst ja nicht von der Kasse bezahlt werden, und somit gelten dann wieder die Regelungen, die auch bei Brücken gelten. Dazu muss man wahrscheinlich Zahn-Betriebswirtschaft studiert haben, also noch mal ein Unterfach der Betriebswirtschaft, falls es das gibt, vielleicht gibt es dafür dann eine Möglichkeit, dafür eine besondere Doktorarbeit zu schreiben. Die Sprechstundenhilfe, die auch das letzte Mal schon da war, nahm das Provisorium heraus, unter dem sich schon zahlreiche Speisereste angesammelt hatten, obwohl ich dauernd mit der Zunge alles heraus befördert hatte, gut geputzt, gut mit Salviathymol gespült und auch gut die Luft angesaugt hatte, um alles rauszuholen. Irgendeine Nervenendigung muss sich da wohl gefunden haben, denn jedes Mal, wenn sie mit ihrem Besteck kam, habe ich furchtbar aufgejault. Irgendwann war sie dann zum Glück fertig und passte die Krone ein. Mit einem Knack war sie drin. Dann kam der Zahnarzt und holte sie wieder raus, um den restlichen Zahn anzuschauen und zu säubern. Dann bat er die Sprechstundenhilfen, besonders viel Zement zu verwenden. Ich hatte schon Angst, dass es jetzt wehtun würde und meinte zu ihm, eine der beiden hält mich jetzt fest, die andere gibt mir einen Beißkeil, die nächste flößt mir den Schnaps ein, und dann geht es los. Der Zahnarzt war etwas verwundert, dass ich solch vogelwilden Vorstellungen hatte. Zum Glück haben sich diese nicht bewahrheitet. Die beiden Helferinnen gaben den Zement ein, ich musste eine Weile zubeißen, bis er getrocknet war. Dann musste das Ganze noch einmal versäubert werden. Sie meinte, sie müsse mich jetzt noch mal ärgern, sonst stünde ich eine Woche später wieder auf der Matte, und das sei doch nicht in unserem Sinne. Da sagte sie doch glatt zu mir, ich solle die Zähne fest zusammen beißen, als ihre Kollegin zugange war. Über diesen Ausdruck in diesem Zusammenhang musste ich dann als Übersetzerin doch schmunzeln, und sie meinte, bitte nicht wörtlich, denn sonst ist der Finger meiner Kollegin ab. Tatsächlich habe ich noch ein paarmal gewinselt und gejault, gejammert und gemaunzt, aber irgendwann war die Prozedur dann vorbei. Sie setzte mir die Krone ein, und dann kam der Zahnarzt, um sie glatt zu schleifen. Es ist immer noch eine Stelle zu hoch, aber er meinte, nachdem er den Test mit dem Papier durchgeführt hatte, es sei so in Ordnung. Jetzt lasse ich es halt ein oder zwei Wochen mal so und probiere, ob es geht, vielleicht lässt sich der Rest noch irgendwie Weglecken. Vielleicht rubbelt sich das ganze noch ein. Die Sprechstundenhilfe empfahl mir dann auch, eine elektrische Zahnbürste zu benutzen, und sie zeigte mir, in dem sie mir den Finger dran hielt, wie das funktioniert. Ich bin etwas empfindlich, wenn es irgendwo brummt oder vibriert , daher weiß ich nicht, ob ich dann die Vibrationen aushalten werde. Das Problem ist, dass man nicht einfach eine Zahnbürste kaufen und sie dann wieder umtauschen kann, wenn sie einem nicht gefällt. Man kann natürlich Bürstenaufsätze kaufen, daher ist es kein hygienisches Problem, aber man müsste ja eine 25 EUR teure Zahnbürste umtauschen, und da wird wahrscheinlich die Kulanz ein Ende haben. Aber 25 EUR sind eben 25 EUR. Vielleicht bekomme ich eine gebraucht, und dann kaufe ich mir neue Aufsätze, und dann kann ich es mal probieren. Zum Glück sind die Zwischenräume der neuen Krone so eng, dass sowieso nichts dazwischenkommt, also muss ich auch nichts rausholen. Nicht mal Zahnseide Pass dazwischen. Ich habe ja schon zwei Kronen, aber diese fühlt sich tatsächlich an wie ein Waschbecken. Ich bin angenehm überrascht, und ich fahre immer mal wieder mit der Zunge drüber, da das Gefühl so schön ist. Dagegen sind die natürlichen Zähne schon fast sehr rau. Ich hoffe aber, dass jetzt endlich mal Ruhe ist. Den Termin für die professionelle Zahnreinigung haben wir schon wieder für den 14. November um 15:00 Uhr ausgemacht. Ich hab schon extra betont, dass ich hoffe, dass wir uns bis dahin nicht sehen werden. Der Zahnarzt ist aber unheimlich nett, er kommt immer wieder auf mich zu, verabschiedet sich, begrüßt mich, setzt sich auch mal neben mich, wenn ich im Wartezimmer noch auf das Taxi warte, und er begrüßt auch jeden, der reinkommt, redet mit ihnen, als seien das gute alte Freunde. Das hat man selten, der ist gar nicht so wie ein überheblicher Arzt sondern wie ein ganz normaler Mensch. Ich hoffe, dass das auch immer so bleibt. Ich hoffe auch, dass jetzt mit den Zähnen mal alles in Ordnung ist, und die Sanierung jetzt mal ein Ende hat. Ich fragte die Sprechstundenhilfe nämlich, warum immer der Sechser dran glauben muss, und sie meinte, das sei ja kein Wunder, das sei der erste der bleibenden Zähne, der herauskommt. Ich bin gespannt, ob die Zähne genau in derselben Reihenfolge verschwinden, wie sie einst gekommen sind. Aber da werde ich hoffentlich noch Zeit haben.

Deutscher Humanistentag - sehr schön und wirklich human

Ich bekomme ja immer unseren Newsletter, in dem alle Veranstaltungen des Monats drinstehen. Wenn dieser kommt, heißt das Arbeit, denn es dauert eine Weile, bis ich das alles durchgelesen habe, und bis ich mir dann die zahlreichen Veranstaltungen raus gesucht habe, die ich besuchen möchte. Auf der einen Seite denke ich immer, hoffentlich ist nicht so viel dabei, denn sonst muss ich mir so viel wieder notieren, andererseits bin ich natürlich froh, dass ich so viele Möglichkeiten habe, und zu viel geboten wird. Dann heißt es: Notizgerät rausholen, Smartphone zücken, Termine eintragen, Helfer fragen, ob sie Zeit haben, Taxi bestellen usw. Dann muss man so manche Theaterkarte bestellen, dort anrufen, hinfahren, um sie abzuholen, die Sache mit dem freien Eintritt für die Begleitperson klären usw. In diesem Newsletter hatte ich eben gelesen, dass ein Science Slam stattfinden würde, und dass dies im Rahmen des deutschen Humanistentages geschehen sollte, wobei auch viele Vorträge dort für mich interessant schienen. Ganz unbedarft organisierte ich mir also meine Helfer, wer kann an welchem Tag, wobei diese sich auch untereinander Absprachen, wer welche "Schicht Anführungszeichen übernimmt. Denn der Tagungsort wäre wahrscheinlich zu groß, um alleine von einem Saal in den anderen zu finden, mich zu verpflegen, die Toiletten zu finden, einen Platz zu finden usw. Mich dann immer durchzufragen und irgend jemanden zu suchen, der mir von den Teilnehmern hilft, schien mir zu anstrengend. Ich habe ja genügend Plusstunden , so konnte ich mir die Assistenz auch leisten. Die Dimensionen dieser Tagung waren mir überhaupt nicht klar, ich ging halt einfach mal hin. Es war auch noch nicht ganz klar, ob ich die ganze Zeit würde dort sein können, denn eigentlich hätte am Samstagvormittag ein Chigong Kurs stattgefunden, den ich nicht schon wieder verpassen wollte, und am Freitag hatte ich solche Zahnschmerzen, dass ich eigentlich noch die Zahnarztpraxis aufsuchen wollte, wobei man mich dort beruhigte, als ich anrief, dass dies normal sei nach so einem Eingriff. So entschied ich mich, mit dem bereits vorbestellten Taxi gleich zum Tagungsort zu fahren und nicht erst zum Zahnarzt. Als ich dort ankam, hätten sie mich sogar fast kostenlos reingelassen, aber ich sagte, dass ich auch eine Begleitperson haben würde, die erst um 15:00 Uhr kommt, und dass es wichtiger sei, dass diese freien Eintritt hätte. Ich sei bereit zu zahlen. Die Frau meinte etwas lächelnd, was sei ich den bereit zu zahlen, woraufhin ich zurückfragte, was kostet es denn. Es hätte 150 EUR gekostet, und ich wäre fast nach hinten gekippt. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Eigentlich hatte ich nur von dem Science Slam gehört, wobei es ums Thema Verschwörungstheorien und um kommunizierende Bakterien gehen würde. So nebenbei habe ich dann eben auch gesehen, dass der Humanistentag stattfindet, und die Vorträge interessierten mich eben auch, so dachte ich, warum eigentlich nicht. Die Themen waren beispielsweise : Identität Muslima , Umwelt, dürfen Humanisten Krieg führen, was ist Glück, gerechte Wirtschaftsordnung, humanistisch strafen usw. Solche gesellschaftlichen Themen interessieren mich immer sehr, obwohl ich nun keine ausgewiesene Humanistin bin, da ich noch nicht mal genau weiß, wie man das genau definiert. Zumindest weiß ich, dass die Humanisten wie auch ich dafür sind, dass Staat und Kirche streng voneinander getrennt werden, und jeder seine Religion privat ausüben darf. Ich hatte also mehrere Begleitpersonen aus meinem Stamm von Assistenten organisiert, wobei am ersten Tag meine Helferin erst um 15:00 Uhr kommen konnte. Ich dachte mir, dann setze ich mich einfach in den Saal mit der Hauptbühne und bleibe einfach dort und höre mir alle Vorträge an, die dort gebracht würden. Während ich noch dabei war, mit der Frau den Preis auszuhandeln, wobei es dann beim Studentenpreis für 87 EUR blieb, erschien auf einmal eine Frau und sagte zu mir, sie sei meine Begleitung, man habe sie zu mir geschickt, sie hätte heute ihren Helfertag. Ich war wirklich erstaunt, wie schnell und unbürokratisch man so spontan eine Hilfe innerhalb kürzester Zeit für mich organisiert hatte, zumal ichdies gar nicht erwartet oder verlangt hatte. Sie erzählte mir, dass sie günstiger reingekommen sei, da sie einen Tag sich bereit erklärt hätte, Aufgaben in der Organisation zu übernehmen, wie zum Beispiel im Saal mitzuhelfen, oder am Eingang zu stehen usw. Sie war also sehr froh, dass sie mich begleiten konnte, da sie somit auch die Möglichkeit hatte, einige Vorträge zu besuchen. Der erste Vortrag zum Thema, ob Religion tötet, war in Englisch, und sie war aus dem Osten und hat nichts verstanden. Sie hat auch nicht sonderlich viel versäumt, es waren eigentlich nur drei Leute, die darüber klagten, dass sie ihre Freiheit nicht ausüben durften, da sie durch die Staatsreligion dazu gezwungen wurden, anders zu leben. Dies ist zwar schlimm, doch fehlten mir die genauen Fakten, um was es eigentlich genau ging. Einer war zum Beispiel Sozialarbeiter und setzte sich für Kinder ein, die wegen Hexerei getötet werden sollten. Da dies furchtbar ist, hätte ich schon erwartet, dass er genauere Angaben zu dem Thema macht und nicht nur wütend schreiend auf der Bühne sitzt und gegen den Islam wettert. Es ging auch um die Frage, ob man islamfeindlich sei, wenn man dagegen sei, dass Moslems überall in den deutschen Flüchtlingsunterkünften ihre Religion ausüben dürften oder nicht. Ich hatte etwas Angst, dass jetzt die Stimmung kippen würde, und irgendwelche PEGIDisten loslegen und dem Ganzen beipflichten würden. Aber das war zum Glück nicht der Fall. Mir fehlten einfach die sachlichen Hintergründe, vielleicht war ich die einzige, die diese halt einfach nur nicht hatte. Danach gingen wir noch zu anderen Vorträgen zum Thema , ob Humanisten im Namen der "Gerechtigkeit" Krieg führen dürfen, wobei hier sehr kompetente Redner auf der Bühne saßen, die sehr viele Fakten über den Nahen Osten bereithielten , und deren Argumentation und auch Rhetorik bis auf einen der drei wirklich faszinierend und fesselnd war. Dann ging es zum Thema Verschwörungstheorien, wobei mir hier der philosophische Überbau zu kompliziert war, und ich daher die Hälfte nicht verstand, denn ich musste erst einmal irgendwelche Wissenschaftstheorien über mich ergehen lassen, von denen ich die Hälfte geistig überhaupt nicht verarbeiten konnte. Mir war immer noch nicht klar, wie genau eine Verschwörungstheorie denn dann unters Volk gelangt, und warum es jemand schafft, eine solche Theorie zu verbreiten, wohingegen wahrscheinlich viele Menschen irgendwelchen Quatsch denken, den kein Mensch interessiert. Ich hatte am Ende mehr Fragen als Antworten. In der Pause versuchte ich, mit meiner Begleitung etwas darüber zu diskutieren, doch schien sie ziemlich genervt davon. Sie meinte, theoretisch könnte sie mich auch bis 18:00 Uhr begleiten, was meine Helferin dankbar annahm, denn bei ihrer vorherigen Kundin hat es einen medizinischen Notfall gegeben, sodass es ihr ganz recht war, dass sie erst um 18:00 Uhr kommen musste. Eigentlich wollte meine Begleitung in einen bestimmten Vortrag, und sie bat mich, ob sie mich in meinem gewählten Vortrag absetzen könnte, um dann in den zu gehen, den sie hören wollte. Ich war damit einverstanden, schlug sogar vor, ihr mein Aufnahmegerät mitzugeben, da blöderweise mal wieder 1000 Vorträge parallel liefen, die genau denselben Grad an Interessantheit aufwiesen. Das traute ich mich dann doch nicht, denn mein Milestone ist wirklich mein Kleinod, dass ich ungern aus der Hand gebe, und außerdem war ja gar nicht klar, ob wir aufnehmen durften. So fanden wir einen Kompromiss, denn wir beide fanden dann einen komplett anderen Vortrag, der uns genauso interessierte. Es ging hier um die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Auch hier traute ich mich nicht, Fragen zu stellen, da ich natürlich eher in den Niederungen eines chronisch Kranken zu Hause bin, während mich die ganzen Dinge der Informatik, Anonymisierung etc. überhaupt nicht interessieren, denn diese Probleme sind ja auch ohne Digitalisierung vorhanden, dass man einen Datensatz anonymisieren muss oder eben, wenn man dann doch die Person wieder braucht, ihn wieder mit der Person in Verbindung bringen kann. Mich hätte brennend interessiert, ob es möglich ist, endlich die Rezepte auf einem Medium zu speichern, damit ich nicht laufend für jedes Rezept zum Arzt rennen müsste, wobei dann der Arzt zum Beispiel das Rezept einfach digital mit seinem Fingerabdruck oder irgendeiner anderen Authentifizierung und Autorisierung auf meine Chipkarte oder meinem Smartphone speichern kann oder auch wieder löschen kann, und ich dann Medikamente, die ich ohnehin andauernd brauche, immer bei Bedarf, wenn sie mir ausgehen, selbständig aus der Apotheke abholen kann. Hier ergibt sich dann halt das Problem, dass auch andere Personen Einsicht in meine Medikamente haben und aus denen dann auf meine Krankheit schließen können. In meinem Falle ist das jetzt nichts, wofür man sich schämen müsste, aber zum einen gibt es eine Privatsphäre, und zum anderen gibt es auch Menschen, die zum Beispiel Krankheiten haben, die heute noch tabuisiert sind, wie z.B. psychische Erkrankungen, Alkoholismus, AIDS usw. Aber ich habe mich eben nicht getraut, solche konkreten Fragen zu stellen, da die ganze Sache viel abgehobener war als das, was ich wissen wollte. Nach dem Vortrag setzte mich die Frau dann bei einer Aufführung eines Chores ab, da sie nach meiner Helferin Ausschau halten wollte. Es war ein norwegischer Chor, der wirklich wunderschön sang. Er gab dann sozusagen den Gesang an einen anderen Chor weiter, der dann übernahm. Irgendwann kam dann meine Helferin und meinte, sie sei meiner Begleitung begegnet, die hätte sie noch gesucht. Ich fragte mich, ob sie sich denn nicht noch von mir verabschiedet, und vielleicht nochmal sagt, ob es ihr mit mir gefallen hat oder auch nicht, und ich fand es daher etwas strümpfig, dass die Begleiterin nicht nochmal mit meiner Helferin zusammen kurz mitkam, sodass ich mich von ihr noch hätte verabschieden können. Wahrscheinlich war die Frau von mir so genervt, dass sie einfach nur froh war, mich los zu sein. Am Anfang war sie noch ganz nett, aber irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass sie irgendwie gereizt war. Meine Helferin und ich gingen dann etwas essen, wobei ich mir vornahm, am nächsten Tag eine Flasche Mineralwasser von zu Hause mitzubringen, da die Flasche dort fünf Euro kostete. Nach dem Essen begann dann der Science Slam. Der war wirklich interessant, allerdings war die Moderation wirklich nicht sonderlich gelungen. Man wollte ein Affentheater inszenieren, spielte laufend irgendwelche Geräusche aus dem Dschungel ein, und irgendwelche Menschen in Affenkostümen sprangen über die Bühne, aber wirklich viel Sinn ergab das nicht. Der erste Teilnehmer forschte über Kriegsliteratur im Dritten Reich, wobei mir mal wieder nicht ganz klar war, ob das schon Bücher waren, die im Ersten Weltkrieg und während der Weimarer Republik geschrieben wurden und von den Nazis dann zu "Werbezwecken" missbraucht wuurden, wobei er meinte, dieses Thema sei noch nicht Erforscht worden. Mir war auch nicht ganz klar, ob es nur um Literatur ging, die den Krieg verherrlichen sollte, oder ob es insgesamt um Kriegsliteratur ging, denn "Im Westen nichts Neues“ ist ja meines Wissens nun wirklich kein Roman, der den Krieg verherrlicht. Er wurde ja im Ersten Weltkrieg geschrieben und ist bestimmt keine Werbung für den Zweiten Weltkrieg, was ja eigentlich die Nazis gerne gehabt hätten. Es gibt diesen Roman in leichter Sprache, vielleicht werde ich ihn mir mal zu Gemüte führen, denn in normaler Sprache wäre er mir, die ich mit Literatur große Probleme habe, wahrscheinlich zu kompliziert. Das zweite Thema war lustig, neben mir saß auch ein Mann, der total begeistert darüber war. Es ging um Trocken-WCs. Dabei ging es auch darum, dass Frauen früher auch im Stehen gepinkelt haben, und das bei einem Urinal kein Wasser benötigt würde. Wie man das dann trennen soll, wo doch manchmal beides gleichzeitig rauskommt, verstehe ich auch nicht. Denn der Kot wird dann für die Herstellung von hochwertiger Terra preta verwendet. Wie das dann genau passiert, ob dann die Toilette eine Schublade hat, wo der Kot vor sich hin kompostieren kann, weiß ich auch nicht. Ich würde sowas in meiner Wohnung nicht haben wollen. Aber es gibt durchaus Projekte, wo so etwas schon gemacht wird, besonders bei irgendwelchen Alternativen Tagungen etc. Dann ging es um ein spannendes Thema, nämlich darum, warum Radiobeiträge manchmal abbrechen. Der Mann erklärte dies auf fesselnde, lustige und faszinierende Weise, ich kann es aber nur in eigenen Worten erklären. Wie auch bei Flugzeugen werden manchmal Leitungen überbucht, denn nicht jeder Nutzer fährt immer das gesamte Potenzial seiner Leitung aus, sodass viel übrig bleibt, und daher die Telefongesellschaften einfach mehrere Kunden darauf buchen, als es eigentlich, würden alle alles nutzen, möglich wäre. Daher brechen dann bei Radioübertragungen manchmal die Beiträge ab, und er ahmte das wirklich gut nach. Das war mein Favorit, wobei ich schon ahnte, dass das nicht jedem so zusagen würde. Manchmal mag ich die Beiträge am liebsten, die dann vielleicht nur in der Mitte oder ganz am Ende der Favoritenliste der Mehrheit sind. Danach kam ein unglaublich langweiliger Vortrag, bei dem ich dann auch abschaltete, die Frau war wahrscheinlich eine sehr gute Promovendin, aber von Rhetorik hatte sie wahrscheinlich noch nichts gehört, und sie wirkte extrem unsicher, was sogar ich feststellte, die solche nonverbalen Signale normalerweise nicht unbedingt bemerkt. Sie erhielt auch den geringsten Applaus, das war deutlich zu hören. Dann kam der allgemeine Favorit, es ging um die Frage, wie Bakterien kommunizieren. Dies verglich sie mit einer Studenten WG. Die Bakterien senden zum Beispiel Signale aus, dann erfahren Sie, ob noch andere da sind. Sie meinte, wenn man wissen will, ob die anderen in der WG sind, schaltet man einfach mal eben das WLAN ab, wenn dann alle empört und mit Protestgeheul aus den Zimmern stürmen, weiß man, dass sie da sind. Je dreckiger die Küche ist, umso mehr Studenten sind auch da, und je mehr da sind, umso wilder wird es. Die Bakterien senden also einen Film aus, und die anderen merken das, und dann tun sie das gleiche, so entsteht sozusagen eine positive Rückkoppelung. Natürlich erhielt sie den meisten Applaus, das war mir klar, auch mir hatte der Vortrag ausnehmend gut gefallen. Am Samstagmorgen ging ich dann mit meiner anderen Helferin los, da der Chigong Kurs, den wir eigentlich noch einmal zur Auffrischung haben sollten, ausgefallen war. Somit konnte ich mir den Vortrag über die Identität von Muslimas anhören. Die Moderatorin musste in Personalunion die Rolle der Moderation und einer der Teilnehmerinnen übernehmen, da diese ausgefallen war. Das hat sie mehr oder weniger schlecht und recht geschafft, denn sie hat eine der Teilnehmerinnen laufend angegriffen. Auf dem Podium saß zum einen eine deutsche, deren Vater zum Islam konvertiert war, und die in einer neuen Bewegung war, die glaubten, dass noch einmal ein Prophet kommen würde. Die andere war eine Psychotherapeutin, eine erklärte Atheistin, die auch als einzige kein Kopftuch trug. Die dritte war eine Bloggerin, die ganz provokativ und ganz bewusst diese Rolle spielte, um eben auch auf Klischees aufmerksam zu machen. Zum Beispiel hörte ich, dass die Frauen häufig nur auf ihr Kopftuch oder auf ihre Rolle als Muslima reduziert würden. Es ging dann um die Frage, ob sie das vielleicht auch bewusst so wollten, ob sie dies provozierten, oder ob das ein trauriger Nebeneffekt war. Insgesamt fand ich die Diskussion sehr interessant. Besonders spannend fand ich die Aussage der Psychotherapeutin, eine ihrer Patientinnen habe während der Therapie ihr Kopftuch abgenommen, und daher sei sie dann nicht mehr interessant für Männer gewesen. Man habe sie nicht mehr angeschaut, sie sei eine schöne Frau mit und ohne Kopftuch gewesen, doch mit Kopftuch ließ dies wahrscheinlich genügend Spielraum für Fantasien, während dann ohne Kopftuch der Reiz weg war. Dies soll jetzt natürlich kein Plädoyer dafür sein, ein Kopftuch zu tragen. Doch denke ich, jede soll das machen, wie sie will, und die Emanzipation bedeutet nicht, dass man alles nach westlichem Vorbild machen muss, und es gibt viele Frauen, die ein Kopftuch tragen und trotzdem sehr erfolgreich und emanzipierte Menschen sind. Danach gingen wir zu einem Vortrag von Willhelm Schmied über das Glück, und da wollte ich unbedingt hin, denn diesen Mann hatte ich schon häufig im Fernsehen und in Interviews erlebt. Ich fand ihn eigentlich sehr gut und sehr nett. Einige seiner Thesen sind mir allerdings etwas zu übertrieben, so nach dem Motto, der Mensch solle nicht laufend nach Glück streben, die totale Schmerzfreiheit und das totale Glück gäbe es nicht. Wer behauptet eigentlich, dass es irgendjemand gibt, der das will? Er meinte auch, es ginge nicht darum, sein Glück zu maximieren, sondern den Genuss zu optimieren. Das finde ich sehr gut. Außerdem meinte er, der stärkste Motor sei die Liebe. Es geht halt einfach darum, nicht dauernd allem noch einen drauf zu setzen und noch einen Höhepunkt zu erstreben, da dies auf Dauer auch ziemlich anstrengend ist. Er hielt eigentlich auch ein Plädoyer für die Melancholie, und dafür, dass man nicht immer nur fröhlich sein müsse. Er meinte, die Deutschen hätten so viel erfunden, und Deutsche seien häufig pessimistisch, die Amerikaner seien diejenigen mit dem Optimismus, wir könnten eben besser den Pessimismus, was im Raum schon fast ein stolzes Raunen hervorrief. Jeder das, was er eben am besten kann. Es gäbe keine Kunst, wenn Menschen nicht unglücklich wären. Allerdings muss ich hier zu sagen, Menschen schaffen keine Kunst, weil sie unglücklich sind, sondern obwohl sie unglücklich sind. Das Unglück, welches Künstler haben, ist häufig ziemlich stilisiert. Menschen, denen es wirklich schlecht geht, sind gar nicht in der Lage, Kunst zu schaffen, kreativ zu sein, geschweige denn, diese Kunst auch noch zu vermarkten. Hier entsteht eine gewisse Verklärung von Unglück, welches dann zu Kunst optimiert wird. Das geht eigentlich nur, wenn man sein Unglück bewusst kultiviert, wenn man dann eigentlich gar nicht wirklich unglücklich ist. Das wird häufig auch bei psychisch Kranken so gesehen, das es doch toll sei, welche Kunst diese Menschen hervorbringen. Es mag einige Künstler gegeben haben, die psychische Störungen hatten, und die trotz alldem ziemlich kreativ waren, und deren psychische Störungen ihnen vielleicht auch andere Sichtweisen auf die Welt und das Leben ermöglicht haben. Das bedeutet aber nicht, dass psychisch Kranke automatisch besonders kreativ sind, oder dass sie diese Kreativität besonders gut zu nutzen wissen. Im Gegenteil, Kreativität setzt ein gewisses Maß an Glück, Wohlbefinden und Stabilität voraus. Ich glaube, Menschen, die solche Theorien haben, müssten erst einmal wirklich echtes Leid und echtes Unglück mit kriegen. Das bedeutet nicht, dass ich hier arrogant sein will, aber das bedeutet, dass man sich wirklich mal in Gebiete begeben muss, wie zum Beispiel Hartz IV, chronische Erkrankungen, psychische Störungen etc., um zu sehen, inwieweit es überhaupt möglich ist, mit und trotz dieser Erkrankungen sein Leid in Kunst zu kanalisieren. Selbstverständlich erzeugt manchmal ein gewisser Leidensdruck erst die nötigen Emotionen, um kreativ zu werden, und wenn alles immer nur eitel Sonnenschein wäre, käme wahrscheinlich ziemlich langweilige Kunst dabei heraus. Auch möchte ich hier nicht der permanenten Fröhlichkeit und dem dauernden positiven Denken das Wort reden. Aber ich glaube, ein Mensch muss einfach bewußt und in Begleitung anderer Menschen die Höhen und Tiefen des Lebens kennen, muss in der Lage sein, dass wirklich auch zu spüren, muss eine gewisse Offenheit haben, und muss auch den Schutz und den Raum dazu haben, dies gefahrlos erleben und durchleben zu können. Verbitterte Menschen, die gar nichts mehr spüren, die nur noch Groll in sich tragen, die resigniert und hoffnungslos sind, und die vielleicht auch aufgrund ihrer Konstitution überhaupt nicht in der Lage sind, Kunst zu schaffen, oder ihren Ärger irgendwie in Kunst zu formen, haben hier wirklich schlechte Karten. Nach dem Vortrag von Willhelm Schmied kam dann eine Podiumsdiskussion mit zwei Leuten, der eine war früher Gefängnisdirektor und propagiert den komplett offenen Vollzug, der andere war ein Strafgefangener aus der linken Szene, der sich als politischer Gefangener versteht und eine Gewerkschaft für Gefangene ins Leben gerufen hat, die aber auch außerhalb der Gefängnisse vernetzt ist. Beide meinten, dass es sinnvoller sei, wenn Gefangene gemeinnützige Arbeit machen. Ich frage mich dann allerdings, ob es so sinnvoll ist, einen Gefangenen, der dazu gezwungen wird, in einem Altenheim oder bei Behinderten einzusetzen. Es gebe da nicht so sehr viele gemeinnützige Arbeiten, die dann noch übrig bleiben. Auch meinte der Gefängnisdirektor, eine längere Strafe wäre sinnlos, denn die meisten würden, wenn sie länger im Gefängnis wären, sowieso wieder rückfällig, daher macht es keinen Sinn, sie sonderlich lange einzusperren. Wie stuft man dann aber ab, dass bestimmte Taten auch härter bestraft werden sollen, oder dass eine bestimmte Strafe auch mehr wehtun soll? Würde man dann demjenigen einfach länger eine gemeinnützige Arbeit aufbrummen? Der Mann von der Gewerkschaft forderte auch, dass Strafgefangene den Mindestlohn erhalten sollten. Allerdings muss dann natürlich Kost und Logis abgezogen werden. Ich wäre dafür, dass genau der Tagessatz abgezogen wird, der auch bezahlt wird, wenn jemand unschuldig im Gefängnis sitzt und pro Tag eine Haftentschädigung erhält. Denn sollte derjenige dann wirklich unschuldig sitzen, würde er ja genau das Geld, das er erarbeitet hat, auch wieder zurückkriegen, denn zuvor würde ihm ja genau der gleiche Tagessatz abgezogen, den er dann als Entschädigung wieder zurückbekäme. Auch finde ich es gut, wenn Strafgefangene eine Rente erwirtschaften können, denn die Strafe ist ja abgebüßt, sobald sie aus dem Gefängnis rauskommen, und wenn sie dann keine Rente haben, würden sie ja über das Strafmaß hinaus weiter bestraft. Sie sollen ja dann aber, sobald sie draußen sind, wieder ein ganz normales Leben führen können. Ich fand es überhaupt interessant, einen solchen Ansatz zu verfolgen, denn, wie die beiden auch sagten, Gefängnis ist einfach sehr altmodisch, und im Gefängnis ist noch keiner besser geworden. Dennoch finde ich, die Leute sollten aus ihren Kreisen herausgerissen werden, denn sonst bleiben sie in ihren alten Bezügen hängen, und manch einer war sogar froh, wenn er einmal da rausgerissen wurde, und wenn er in einem Gefängnis auch mal wieder die Hilfe bekam, zur Besinnung zu kommen. Danach gab es wieder so viele Parallelveranstaltung, die mich interessiert hätten, dass es wirklich ärgerlich war. Wir gingen dann in die Veranstaltung über Luther und den Humanismus, das fand ich auch sehr interessant, wobei ich vieles ja an Hintergründen nicht hatte. Dennoch bin ich halbwegs mitgekommen, besonders belustigt war ich darüber, dass einer der ostdeutschen Redner darüber jammerte, dass Ostdeutsche nie auf westdeutschen Bühnen eingeladen werden. Mir entfuhr ein Ach Gott, das etwas ironisch klang, und einige fielen ein, und wir mussten etwas lachen. Es war auch ein Pfarrer auf der Bühne, der verteidigte natürlich die Ansichten Luthers, und insgesamt fand ich die Diskussion sehr lebendig, da jeder einmal die Sicht des anderen auch annahm. Es ging halt auch um die Streitfrage, wer nun antisemitischer war, Luther oder Erasmus von Rotterdam, wobei sie das dann dauernd gegeneinander aus spielten. Besonders geschmackvoll finde ich das auch nicht. Danach teilten wir uns dann auf, meine Helferin hatte ihren Professor entdeckt, und da wollte sie sich natürlich blicken lassen. Ich ging dann in den Vortrag über die Einwanderung, der wirklich gut war. Ich glaube, der Redner hat kein einziges Fremdwort benutzt. Er hat es wirklich geschafft, die kompliziertesten und komplexesten Sachverhalte so zu erklären, dass klein Fritzchen oder ein vierjähriges sie hätte verstehen können. Es ging einfach um die Frage, sind starre und feste Werte sinnvoll, oder sollte man sie immer neu aushandeln. Er meinte auch, natürlich müssten sich erst einmal diejenigen, die zu uns kommen, an die Werte halten, die wir zusammen ausmachen, denn sie seien ja diejenigen, die bei uns leben wollten. Aber es ginge immer um Toleranz, und es dürfe keine Toleranz gegenüber Intoleranz geben. Außerdem sei der Begriff Wert ziemlich konservativ, und man sollte einfach immer wieder Grundsätze finden, die für alle gelten, schließlich sei das Grundgesetz ja die Geschäftsordnung dieses Ladens, so drückte er sich aus. Dennoch gäbe es eben einen Unterschied zwischen einer multikulturellen Gesellschaft, wo alle einfach nebeneinander her leben, einer transkulturellen Gesellschaft, bei der man sich auf einige gemeinsame Werte einigt, oder eine interkulturelle Gesellschaft, wo man Werte miteinander austauscht, und wo man dann neue Werte zusammen schafft. Das ist mir eigentlich die sympathischste Vorstellung. Wir werden sowieso in 100 Jahren ein ganz anderes Deutschland sein. Danach holte mich meine Helferin ab und erzählte mir, dass ihre Veranstaltung etwas durcheinander ging, da es um die Frage von Werten in der Schule gegangen sei, und sich die Zuhörer darüber aufgeregt hätten, dass dem Thema Einwanderung zu viel Raum bemessen worden sei. Dann begegnete uns ihr Professor, und er überredete uns, uns doch noch etwas dazu zusetzen, sie würden noch etwas mit einigen Studenten diskutieren. Eigentlich wollte ich nach Hause, aber ich dachte, vielleicht erlebe ich hier auch einmal etwas Neues, und ich kann vielleicht doch einmal mit Menschen auf gleicher Ebene diskutieren, wozu ich ja sonst häufig nicht die Gelegenheit kriege. Ich war sogar überrascht, dass eine der Studentinnen, die dort mit ihm saßen, mich fragte, wie ich heiße. Ich reagierte zunächst erst gar nicht, da ich normalerweise nicht gewohnt bin, dass auch ich etwas gefragt werde, und schon gar nicht mehr damit rechne, und somit überhaupt keine Aufmerksamkeit darauf habe. Sie meinte, sie hätte mich für eine Anwältin gehalten, da ich so daher gekommen sei wie eine Anwältin. Wie eine Anwältin eigentlich daherkommt, weiß ich nicht. Meine Helferin meinte dann, ich könnte ja Anwältin für Blindenrecht sein. Ich meinte, dann schon eher für Sozialrecht. Prompt kam dann wieder die Frage, ob denn für blinde und für Behinderte auch etwas getan worden sei auf diesem Kongress, und ob das Thema Behinderung überhaupt vorgekommen sei. Als die Neugierde der Herumsitzenden befriedigt war, wandten sie sich wieder einander zu und unterhielten sich. Ich war darüber ziemlich frustriert, aber meine Helferin brachte dann wieder das Argument Unsicherheit an, dass man eben Berührungsängste gegenüber Behinderten hätte. Eigentlich denke ich immer, diejenigen, die mich begleiten, und die mir helfen, und die mir eigentlich Sozialassistenz bieten sollten, da ich ja auch soziale Behinderungen habe, müssten dann eigentlich meinen Frust auffangen und mit mir die Trauer über meine Erlebnisse aufarbeiten und bei mir und meinen Gefühlen bleiben. Außerdem wäre es doch schön, wenn ich mal jemanden hätte, der dann vielleicht interveniert und sagt, könntet ihr uns mal erklären, über was ihr redet, wir möchten auch was sagen oder so ähnlich. Das würde genau das Defizit ausgleichen, weswegen ich ja ebenfalls Assistenz brauche, und weswegen ich häufig nicht auf Gruppenveranstaltungen gehe, da ich ja schon weiß, dass ich hier eine Behinderung habe. Mit einer sozialen Assistenz würde vielleicht dieses Problem gelöst werden können. So fuhren wir nach Hause, und ich war dann schon etwas geknickt, aber der Rest des Tages war schön. Am nächsten Morgen kam dann eine andere Assistenz, die ich für den Sonntag organisiert hatte. Wir fuhren mit dem Taxi hin, da sie sich im öffentlichen Nahverkehr nicht so gut auskennt. Leider stellte sich dann heraus, dass nur noch eine Abschlussrede und ein paar Kurzfilme gezeigt würden, und dann würde noch ein Chor singen. Zu dieser Sunday Assembly , die vorher stattgefunden hätte, bin ich schon gar nicht hin, denn das erinnert mich schon so an einen Gottesdienst. Wenn man schon nicht an Gott glaubt oder ein gesellschaftliches Leben ohne Religion haben will, warum braucht man dann so eine Versammlung? Das erinnert mich daran, als ob ein Vegetarier, der kein Fleisch ist, dann doch vegetarische Würstchen haben will. Die Rede war aber sehr interessant, denn der Mann hat sie spontan zusammengestellt, da er für jemand anderen eingesprungen war. Er hat noch einmal auf ziemlich witzige Art mit vielen Wortspielen die gesamte Tagung zusammengefasst und auch ziemlich charmant und witzig Kritik geübt. Danach hat ein Chor gesungen, nämlich ein Projektchor, dessen Chorleiter die Menschenrechte vertont hatte. Dieser Chorleiter hat ausdrücklich betont, dass er früher immer Gospels und Spirituals gesungen hätte, und dass er so kirchlich engagiert gewesen sei, dass er aber jetzt zum Humanismus gefunden hätte. Dies kam mir so vor wie bei den Christen, die immer erzählen, was für schlimme und böse Finger sie früher waren, aber dass sie dann bekehrt wurden und jetzt ein anderes Leben führen. Es war ja doch nichts Verkehrtes daran, Gospels und Spirituals zu singen, abgesehen davon, dass solche Musik, wenn sie nicht von Schwarzen sondern von Schulchören aufgeführt wird, immer furchtbar klingt. Ich stelle also fest, dass genau dieselben Mechanismen auch umgekehrt funktionieren, dass also hier ein Paulus zum Saulus wurde. Aber ich fand seine Vertonung der Menschenrechte einfach faszinierend. Es hat wirklich gut getan, immer wieder zu hören: Anführungsstriche jeder, jeder, jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf freie Entfaltung usw.“ Wer sagt einem das schon mal so deutlich, obwohl ich zwar in einem Land aufgewachsen bin, in dem das selbst verständlich ist, aber ich doch für mich in Anspruch nehmen kann, dass man mir häufig (als Behinderte) viele Rechte abgesprochen hat oder mich für übertrieben fordernd hielt, wenn ich bestimmte Dinge auch haben wollte, wie zum Beispiel einen anspruchsvollen Beruf, die Chance auf eine berufliche Laufbahn, einen festen Freund, einen großen Freundeskreis usw. Da hat man jedoch häufig gesagt, Du übertreibst, Du willst zu viel, Du willst nur im Mittelpunkt stehen. Auch bin ich in einer Familie aufgewachsen, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung mit Androhung von Ohrfeigen und Schlägen unterdrückt wurde oder mit abwertenden Bemerkungen, wie zum Beispiel, Du siehst doch sowieso nichts, Du kannst doch sowieso nichts beurteilen. Oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wozu meines Erachtens auch das Recht gehört auf den eigenen intimen Raum, wenn jeder einen einfach anfasst, wenn man es nicht will, jeder einfach an alles dran geht, sich die Leute an meinen Sachen bedienen, zum Beispiel meine frühere Putzfrau, die mir Dinge geklaut hat. Das kann man jetzt natürlich nicht mit Menschenrechten vergleichen, aber dennoch habe ich da häufig gesagt bekommen, ich sei einfach nur überempfindlich, wenn es mich gestört hat, dass man einfach über meine Grenzen ging. Daher hat mir das schon sehr gut getan, wirklich einmal zu hören, jeder Mensch ist gleich, jeder hat dieselben Rechte, jeder darf dieselben Bedürfnisse haben und dies auch äußern. Danach kamen die Kurzfilme, und das war wirklich der Hammer. Davon abgesehen, dass zwei der Preisträger es noch nicht mal für nötig empfanden, selbst zu erscheinen und stattdessen eine ziemlich schnell zusammengestellte Videobotschaft mit lauter Geräuschen im Hintergrund sendeten, waren die Filme in fremden Sprachen mit fremdsprachlichen Untertiteln, die meine Helferin mir noch nicht mal vorlesen konnte. Dennoch bin ich etwas mitgekommen, da sie mir zumindest die Handlung beschreiben konnte. Es gab einen Film eines Griechen, der einen Arzt beschrieb, der am Ende seines Lebens stand und dachte, das meiste hab ich doch versäumt. Selbst ohne sprachliche Informationen und alleine mit der Beschreibung der Bilder waren diese aussagekräftig genug, um das wirklich mit zu kriegen. Dann gab es noch ein kleines Video über Sterbehilfe, wobei die Frau eine Schwerbehinderte spielte, die in Würde sterben wollte, ehe sie irgendwo gepflegt werden müsste. Ich dachte mir, im Umkehrschluss wäre dann also ein Leben, wo einem der Speichel aus dem Mund läuft, wo man die Windeln gewechselt bekommen muss, und wo man vielleicht nicht mehr alleine essen kann, dann nicht mehr würdevoll. Damit werden die Grenzen, was noch würdevoll ist oder nicht, und der Druck , andere nicht zur Last zu fallen, irgendwann immer enger gesetzt. Allerdings bin ich dafür, dass jeder selbst entscheiden kann, was er tut. Denn es muss ja nicht immer um den Grund der würde oder der Belastung für andere gehen. Unerträgliche Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Schwäche oder einfach ein Leben, das man so nicht mehr haben will, können auch ein Grund sein, nicht mehr leben zu wollen. So häufig habe ich schon gedacht, ich will nicht mehr, und ehe ich irgend eine andere Person mit reinziehe, würde ich dann lieber in die Schweiz oder nach Holland fahren. Wenn man selbst einmal richtig krank ist, merkt man erst, dass das Leben schon an diese Grenze gelangen kann. Ich denke da heute etwas anders als früher, wo ich radikal gegen Sterbehilfe war. Denn ich denke, sterben ist ein Teil des Lebens, und daher finde ich auch, dass man, wenn man Sterbehilfe sucht, man zu einer Lebensberatung gehen müsste, bei der die Sterbehilfe mit untergegliedert ist. Erst einmal müsste man beraten werden, was alles getan werden könnte, um das Leben besser zu machen. Denn der Wunsch zu sterben heißt eigentlich, dass man so nicht mehr leben will, aber nicht, dass man gerne tot wäre. Vielleicht weiß derjenige noch gar nicht, welche anderen Möglichkeiten es gibt, und wie ihm vielleicht geholfen werden kann. Daher sollte er erst einmal darüber informiert werden. Wenn dann aber jemand immer noch sterben möchte, dann sollte man ihn auch nicht zwingen, ein Leben weiterzuleben, dass er einfach nicht mehr will. So gerät die Sterbehilfe auch aus dem Verdacht raus, nur eine sozialverträgliche Kostenersparnis zu sein, denn vorher wird ja erst einmal alles ausgeschöpft, was möglich ist. Dann hat der Chor noch einmal gesungen, und das war wirklich bewegend, das Lied hieß" Ich nehme Dich mit", und das bedeutet, dass man immer seine Freunde überall dabei hat. Auch wenn sie nicht da sind, sind sie immer bei einem, und das Lied wurde mir dann zum richtigen Ohrwurm. Es bewegte mich daher, da ich mal dran dachte, dass ich auch einige gute Freunde habe, die eigentlich geistig irgendwie immer bei mir sind. Auch wenn man oft denkt, ich bin ganz alleine, aber man hat doch ein paar Leute, an die man häufig denkt, und die einem nah sind. Wir wollten da noch einen Kaffee trinken gehen, da ich nicht einfach so nach Hause wollte, sondern einfach noch etwas beisammen sitzen. Außerdem war es ein so schönes Wetter, dass ich keine Lust hatte, im Taxi nach Hause zu fahren. So schlug ich vor, den öffentlichen Nahverkehr zu verwenden. Und als wir rausgingen, fuhr uns natürlich gleich die erste Straßenbahn wie immer vor der Nase weg. Am Sonntag kommt die Straßenbahn nur alle 20 Minuten. Ich weiß nicht, wie man es schafft, immer exakt zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, vielleicht sollte ich mal ein Buch darüber schreiben. Wir entschieden uns dann, in einen Bus zu steigen, der eine ziemliche Rundfahrt macht, und irgendwann schlug ich vor, dass wir jetzt aussteigen, denn eine andere Straßenbahnlinie würde von dieser Haltestelle auch losfahren, dann könnten wir in meine Nähe fahren und dort Kaffee trinken. Als wir ausstiegen, fuhr uns tatsächlich diese Straßenbahn auch wieder vor der Nase weg. Ich sagte, wenn das jetzt noch mal passiert, dann werde ich so laut frohlocken, dass die Mauern von Jericho zusammenfallen. Ich war wirklich auf 180. Dann wurde ich natürlich gleich wieder getröstet, dass andere Schwerbehinderte noch nicht mal in den Bus einsteigen könnten, dass sie oft eine Haltestelle weiterfahren müssten, um überhaupt in den Bus zu kommen usw. Dass dies natürlich kein Zustand ist, und dass dies so schnell wie möglich behoben gehört, versteht sich von selbst. Deswegen sei mir trotzdem unbenommen, dass ich darüber wütend bin, dass ich zum einen aufgrund meiner körperlichen Verfassungsolche Schwierigkeiten habe, und zum anderen aufgrund meines schlechten Timings (aufgrund des Autismus?) eben auch häufig antizyklisch funktioniere. Ich bin immer genau dann dort, wenn es schon weg ist usw. Ich bin immer dann dick angezogen, wenn die Sonne scheint, sobald ich mich entscheide, mich jetzt dünner anzuziehen, wird es wieder kalt. Ich schaffe es einfach nicht, flexibel und schnell genug auf sich ändernde Situationen zu reagieren oder irgendwie zyklisch mitzulaufen. Irgendwann kam dann doch die Straßenbahn, und wir fuhren zu einer Haltestelle, stiegen dort aus, und dann fanden wir auch ein schönes Café. Meine Helferin erzählte mir von Pakistan, da sie einen Pakistani geheiratet hatte, und da hatte sie schon einige Abenteuer erlebt, als sie dort war. Mich faszinieren solche Geschichten immer sehr. Danach brachte sie mich nach Hause. Insgesamt war das ein ziemlich erfüllendes Wochenende, es war ziemlich bewegt, es war ziemlich viel los, und ich habe doch ziemlich viel mitgenommen. Im nächsten Jahr wird es eine Tagung geben, die sich mit dem Thema Menschenrechte befasst, da werde ich auch hingehen. Übrigens habe ich dazu nebenbei erfahren, dass dies der erste Humanistentag war, der überhaupt in Deutschland, und dann gleich in meiner Stadt stattfand. Dies war sogar ein Weltkongress, soviel mir jemand erzählte. Das hatte ich gar nicht mitgekriegt, denn ich habe einfach nur in unserem Newsletter unserer Stadt gelesen, dass im Rahmen des deutschen Humanistentags eben dieser Science Slam stattfindet, und da haben mich eben die anderen Vorträge fasziniert. Als ich meiner anderen Helferin, die mir das Programm vorgelesen hatte, erzählte, wie teuer das war, ist selbst sie erschrocken, und sie hat selbst zugegeben, dass sie gar nicht gesehen hatte, dass es was kostet. Normalerweise ist die immer total auf Draht und hätte wahrscheinlich gleich wieder gesagt, das hätte ich Ihnen auch gleich sagen können, dass so etwas was kostet. Das hat mich gewundert, dass selbst sie nicht drauf gekommen ist, wahrscheinlich war es wirklich nicht dort gestanden. Aber für mich war es sehr günstig, man war ja human, schließlich war es ja der Humanistentag, und so habe ich nicht zu viel zahlen müssen, und es war die Sache wert.

Dienstag, 20. Juni 2017

Am liebsten würde ich streiken oder demonstrieren

Neulich habe ich bei jemandem geklagt, dass mir der Rücken weh tut. Dies könnte wahrscheinlich mit meiner neuen Zahngeschichte zusammenhängen und vor allem damit, dass ich ja einmal das Pfeiffer'sche Drüsenfieber gehabt hatte. Somit gehen bei mir solche Entzündungen schnell auf die Gelenke. Prompt bekam ich zur Antwort: bei mir hat sich auch ein Nerv eingeklemmt, ich habe den Orthopäden nicht aufsuchen können. Ich frage mich immer, warum dann alle Menschen so tapfer herumspringen, wenn sie noch wesentlich schlimmere Dinge haben als ich. Bin ich nur eine Memme, die wesentlich weniger aushält? Am letzten Wochenende war ich auf dem deutschen Humanistentag, wo es um ein menschliches Zusammenleben ging, zum Beispiel im Hinblick auf Einwanderung, Umwelt, Frieden etc. Wir wurden von ein paar Leuten gebeten, uns doch dazu zusetzen, man wolle noch etwas diskutieren. Ich wurde allerdings nur gefragt, ob denn auf diesem Kongress auch etwas zum Thema Blindheit und Behinderung gebracht worden wäre? Die muslimischen Teilnehmerinnen mit ihren Kopftüchern beschwerten sich bei ihren Beiträgen, dass sie nur auf dieses Attribut reduziert würden. Ich hätte wahrscheinlich auf die mir gestellten Fragen schlagfertig antworten sollen: ich bin jetzt nicht in meiner Eigenschaft als blinde sondern als Mensch hier. Denn auch ich werde ausschließlich auf meinen Blindenstock reduziert. Dies ging sogar einmal so weit, dass zwei Menschen mit völlig unterschiedlichem Körperbau und unterschiedlicher Frisur und Haarfarbe in meiner Universitätsstadt laufend miteinander verwechselt wurden, nur, weil beide einen weißen Stock hatten. Ich beklagte mich im Nachhinein darüber, dass ich schon wieder alleine da saß, nachdem die erste Neugierde befriedigt war, und sich alle dann wieder nur miteinander unterhielten, obwohl man uns doch extra dazu gebeten hatte. Dazu gab es gleich wieder viele Erklärungen, warum andere solche scheu haben, warum andere solch große Unsicherheit haben, und warum andere so sind. Es wird sehr viel Hirnschmalz darauf verwendet, um die Motivation der Mehrheit zu ergründen, wohingegen mein beschissenes Gefühl wegen der chronischen Ausgrenzung keine sonderlich große Rolle spielt. Das mit den Berührungsängsten leuchtet mir sowieso nicht ein, wo ich doch von jedem einfach ungefragt angefasst werde. Wenn ich anderen Menschen gegenüber unsicher bin, würde ich Ihnen nicht zu nahe kommen, wie manche das bei mir aber tun. Ich würde sie auch nicht gleich mit Du anreden, wie mir das häufig mitten auf der Straße passiert. Soweit kann es also mit der Unsicherheit nicht her sein, es sei denn, ich funktioniere wirklich total anders als der Rest der Menschheit. Ich war neulich mit einer Bekannten, die ich über meine Assistenz wieder traf, im Café. Sie hat zugegebenermaßen wahrscheinlich wesentlich mehr an Erkrankungen als ich, und sie hat auch sehr viel davon erzählt. Einige Frauen hatten sich ungefragt an unseren Tisch gesetzt, da es nicht mehr viel Platz gab. Irgendwann sprang eine der Frauen auf und schrie uns an: "jetzt ist aber mal Schluss mit den Krankheiten." Meine Bekannte hatte, da sie richtig in Fahrt kam, ihre Stimme immer lauter werden lassen, ohne dies zu merken, da sie die Sachen emotional sehr mitgenommen hatten, die sie erlebt hatte. Ich selbst habe auch eine Menge erlebt, allerdings habe ich mich nicht sonderlich angestrengt, mich durchzusetzen, meine zahlreichen Erlebnisse, Schicksalsschläge und Erkrankungen in gleicher Quantität und Qualität vorzutragen, sonst wäre wahrscheinlich das ganze Café mit den nurmehr drei Tischen ausgeflippt, wenn zwei chronisch schwer Kranke ihre Geschichten ausgepackt hätten. Ich hätte es besser gefunden, wenn die Damen vielleicht vorher einmal etwas gesagt hätten, so in etwa: „Bitte seien Sie etwas leiser, wir müssen zwangsläufig alles mithören, wir haben leider kein Interesse an all ihren Erkrankungen und Operationen.“ Außerdem hätte ja auch der diensthabende des Cafés, wobei es sich hier um ein Wohnprojekt -Café handelte, der obendrein auch noch ein Bekannter von mir war, zu uns kommen können und sagen: „Hallo ihr beiden Mäuse, seit mal etwas leiser, die anderen beschweren sich schon, Eure Gallen-OPs interessieren die Leute nicht sonderlich. Könntet ihr vielleicht etwas Eure Stimme runterfahren?“ Als ich hinterher zu ihm ging und mich beschwerte, wie diese Frau sich uns gegenüber aufgeführt hatte, meinte er nur, es hätten sich noch mehr beschwert, und es sei einigen anderen Gästen ebenfalls übel aufgestoßen, dass wir so ausgiebig und ausführlich über unsere Erkrankungen gesprochen hatten. Meine Bekannte hat sich dann ebenfalls bei ihm beschwert, dass dies allerhand sei, und dass die anderen froh sein könnten, wenn sie gesund sind. Ich habe schon häufiger erlebt, dass mir andere Leute erzählten, wie schwer ist dieser oder jener hätte, was er alles durchgemacht hätte, der Arme, sei schon mit 40 in Rente gegangen usw. Wenn ich mich zum Beispiel beklagte, dass andere dauernd über ihre Erkrankungen erzählen, mir hingegen aber selbst kaum zuhören, hieß es nur: „das musst Du verstehen, der ist halt auch krank, die ist halt auch allein, die hat sonst niemanden.“ Mein Hinweis, dass ich auch krank sei, dass ich auch allein bin, dass ich auch das Bedürfnis habe, über meine Erkrankung zu erzählen, wurde dann immer beflissentlich übergangen. Auch mein Hinweis, dass auch ich frühberentet sei, dass auch ich schon einiges mitgemacht hätte, blieb ungehört. Es heißt dann immer: „der andere hat ja schon so viel mitgemacht, der musste ja so in seinem Leben kämpfen.“ Wenn ich dann sage, aber ich auch, dann wird dies ignoriert. Wenn andere Leute schwierig sind, dann wird das immer damit entschuldigt, dass sie ja schon so viel mitgemacht hätten. Wenn ich als schwierig bezeichnet werde, würde dies niemand mit Hilfe meiner Erlebnisse in die richtige Relation setzen oder irgendwie mit meinen vielen Erkrankungen, verpassten Möglichkeiten und Chancen oder mit meinem Kampf um ganz normale Dinge im Leben erklären. Als ich einmal mit dem Taxi nach Hause fuhr, fragte ich den Taxifahrer, ob er schnell bei einem Obstgeschäft anhalten könnte, da meine Assistentin anstatt acht nur vier Äpfel eingekauft hätte. Da meinte er, das dürfe er nicht, er hätte keine Zeit, und das ginge eben jedem mal so, dass er nicht genügend zu Hause hätte. Dabei können Nichtbehinderte einfach mit dem Fahrrad fahren oder tun sich leichter, zu Fuß irgendwohin zu gehen. Ein paar Wochen später holte mich ein anderer Taxifahrer desselben Unternehmens ab, setzte mich ins Auto und meinte, es sei eine Rollstuhlfahrerin mit dabei, sie würden aber noch beim Metzger vorbeifahren, da er für sie noch einiges einkaufen müsste. Ich nutzte die Gelegenheit, mir bei diesem besonders guten Metzger auch einige Sachen mitzunehmen. Dann kommandierte die Frau, sie müsse jetzt auch noch zum Becker, sie bräuchte noch Brötchen. Nachdem sie mich zu Hause abgeliefert hatten, fuhren sie dann auch noch zum Becker. Ich fragte ihn beim nächsten Mal, ob sie alles bekommen hätten, und warum er denn mit ihr zu Metzger gegangen sei, schließlich hätte ich auch schon Lebensmittel gebraucht, und man habe mir gesagt, das ginge nicht. Da meinte er, die Frau sei doch schließlich alt, sie sei an der Dialyse, und sie säße im Rollstuhl. Ich sagte ihm, ich sei auch behindert, ich könne zwar laufen, doch würde ich nicht sehen, wo ich hinlaufe und bräuchte daher auch Hilfe beim Einkaufen, da ich die Produkte ja nicht alleine finde. Und an der Dialyse sei ich auch gewesen, und das schon als junge Frau, wenn ich überhaupt je so alt würde wie diese Frau, wäre ich wohl noch ganz anders dran. Da meinte er, es ärgere ihn, dass diese Frau einen Enkel hätte, der nichts für sie täte, und daher würde er ihr helfen. Ich sagte ihm, dass auch ich schließlich darum kämpfen müsste, dass mir Leute helfen, und dass ich auch allein stehend sei, und dass man mir meine Behinderung halt einfach nur nicht so ansieht. Das hat aber nichts genützt. Auch die Art meiner Einschränkung ist schon stark genug, aber hier wird immer mit zweierlei Maß gemessen. Sogar in unserer Familie gibt es Menschen, die noch kränker sind, wenn ich aber dann sage: „das, was ich habe, ist aber auch schon genug Anführungsstriche, dann heißt es immer von Verwandten, Freunden und Bekannten: „bei jedem ist das, was er hat, schon genug.“ Wenn also einer nur einen Ticken mehr hat als ich, dann ist er furchtbar krank, geschlafen wach auf wohingegen das, was ich habe, nichts anderes ist als das, was eben jeder andere auch hat. Jedes Erlebnis wird von allen anderen Menschen zwanghaft positiv umgedeutet. Als ich neulich eine Assistentin erzählte, dass ich nach meinem zweijährigen Vertrag als fest angestellte im Berufsförderungswerk nicht mehr weiter arbeiten konnte, da ich auf den Pendelbus am Morgen angewiesen gewesen war, und erst jetzt nach fast 20 Jahren eine Straßenbahn dorthin fährt, jetzt, wo ich frühberentet bin und nicht mehr arbeiten kann, meinte sie nur: „Besser spät als nie.“ Wenn ich zum Beispiel meinen Sozialpädagogen erzähle, dass ich zwölf Medikamente einnehmen muss, und dabei dauernd irgendetwas schief geht, weil genau die Marke des Medikaments, die der Arzt verschreibt, nicht lieferbar ist, oder genau die Firma, die genau dieses Präparat herstellt, das ich brauche, gerade Pleite gegangen ist, und ich beinahe noch mal zum Arzt rennen musste, um ein Rezept zu kriegen, wobei der Weg für mich sehr mühsam ist, meinte er, die anderen, die von dieser Firma ein Medikament haben wollten, hat dies ja dann schließlich genauso getroffen. Da kann ich mir ein Ei drauf pellen . Er meinte zwar, es täte ihm leid, da dies eine Bagatellisierung meiner Situation sei, aber er hätte andere Kunden, denen dies Freude macht, wenn er ihnen sagt, dass andere jetzt ja schließlich genau in derselben Situation seien. Nun ja, die haben wahrscheinlich nicht zwölf, mittlerweile 13 verschiedene Medikamente, wegen derer sie laufend zur Apotheke rennen müssen. Auch wenn dies nach Jammern klingt, möchte ich einfach einmal haben, dass andere einfach mal sehen, wie meine Lebensrealität ist, ohne gleich wieder, wenn es ein einziges Mal klappt, den Rest auch mit schönreden. Mir täte es einfach gut, wenn andere Menschen einfach mal Mitgefühl hätten, wenn sie mir einfach mal wirklich echten Trost spenden würden, wenn Freunde einfach mal sagen würde, das ist scheiße, und wenn mich einfach mal jemand in den Arm nimmt, ohne gleich wieder alles wegzudrücken. Früher hat man ja bei Kindern immer gedacht, wenn man die Sachen weg redet, dann glauben die das, und man hat ihre Sorgen und Nöte einfach nicht ernst genommen. Heute sagt man sogar bei Kindern, ja, das ist jetzt einfach blöd, da hast Du recht. Damit verkauft man andere nicht für dumm und lässt einfach einmal die Sache so stehen. ich habe mir schon öfter überlegt, ob ich einen Hungerstreik machen soll. Ich hätte aber zu viel Angst davor und wäre zu feige. Außerdem würde man mich wahrscheinlich zu meinem eigenen Schutz Zwangs ernähren. Und ich könnte mir nicht vorstellen, Hunger ertragen zu müssen. Wenn ich dann doch alles durchsetze, was ich hier unten auf führe, und durch den Hungerstreik bleibende Schäden hätte, hätte ich auch nicht mehr viel davon. Außerdem könnte ich mir nicht vorstellen, nichts zu essen, weil Essen ebenso etwas Schönes ist. Dennoch finde ich manchmal, dies wäre die effektivste Methode, obwohl es Erpressung ist, denn ich hätte genügend Zeit, und bis zu einem gewissen Punkt könnte keiner Zwang ausüben, solange es nicht gefährlich würde. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich laufe und rede hier gegen eine Wand, je mehr ich darunter leide, je mehr schreibe ich darüber, und je mehr ich darüber schreibe, umso weniger wird es gelesen. Irgendwann muss ich auch mal energisch werden, und vielleicht mit mehr Nachdruck sagen, was ein jeder Mensch in so einer Situation wie der meinen braucht, und was normalerweise ein jeder in einer solchen Situation auch kriegt: Und hier sind meine Forderungen Erstens: ich möchte, dass anerkannt wird, dass es nicht allen genauso geht wie mir. Ich möchte, dass ich bezüglich meiner Erkrankungen und meines Schicksals da einsortiert werde, wo ich hin gehöre. Es gibt viele, denen es noch schlechter geht, es gibt aber viele, denen es wesentlich besser geht. Ich möchte, dass jemand dafür sorgt, dass es in meinem Umfeld aufhört, dass es immer heißt, anderen ginge es genauso. Ich verlange, dass endlich anerkannt wird, dass selbst dann, wenn es anderen in einer oder zwei Situationen genauso geht wie mir, man dies nicht vergleichen kann, da ich Jan noch zahlreiche andere Baustellen habe. Daher ist es unzulässig, mir zu erklären, andere hätten dieses oder jenes auch schon erlebt, zumal dies wesentlich leichter zu ertragen ist, wenn man nur diese eine Sache mitmacht. Andere können nicht dieselbe schwere des Lebens für sich beanspruchen und mir dann auch noch erklären, dass sie die Situation total gut meistern. Dies ist ungerecht, denn wären sie tatsächlich in meiner Lage, würden sie es auch nicht besser machen können als ich. Ich möchte, dass andere auch einmal ihre Schwächen zugeben und nicht immer so tun, als stünden sie über ALLEM IMMER viel lockerer drüber als ich, als hätten sie dasselbe Schicksal, könnten aber nur einfach besser mit allem umgehen. Ich verlange, dass andere auch mal zugeben, dass sie mit den Situationen, die ich erlebe, genauso überfordert wären wie ich. Ich möchte, dass der Satz, jeder würde anders mit der Sache umgehen, und jedem wäre etwas anderes wichtig, und jeder würde es anders empfinden, im Hinblick auf meine schweren chronischen Erkrankungen oder im Hinblick auf meine traumatischen Erlebnisse endlich gestrichen wird. Ich glaube nicht, dass es hier so viele verschiedene Bandbreiten an Reaktionsmöglichkeiten gibt, und dass alle anderen auch genauso schlecht mit all dem hätten umgehen können. Es ist KEINE individuelle Geschmacksache, was sich ein Mensch in so einer Situation wünscht, oder was jemand in so einer Situation braucht, oder wie er auf solche Herausforderungen reagiert. Ich möchte, dass anerkannt wird, dass das, was ich brauche, kein exotischer Wunsch oder kein total individuelles Bedürfnis ist, sondern gemessen an meiner Lage völlig nachvollziehbar und im Durchschnitt der menschlichen Bedürfnisse. Ich möchte mich nicht dauernd schuldig fühlen, weil es anderen ja noch viel schlechter geht, und ich trotzdem sage, dass es schwierig für mich ist. Ich möchte mich aber auch nicht dauernd schuldig fühlen, wenn ich denen, denen es wesentlich besser geht, auch mal klar mache, dass es unzulässig ist, wenn sie sich andauernd mit mir vergleichen. Ich möchte auch mal abblocken dürfen, wenn es mir zu viel wird, wenn Leute, die es schwerer haben, immer bei mir abladen, meine Sorgen aber nicht anhören, oder diejenigen, denen es besser geht, laufend ihren Mist bei mir abladen, wo ich denke, warum ausgerechnet bei mir, wo ich doch noch viel mehr auszuhalten habe. Ich möchte nicht dauernd ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht dauernd daran denke, dass für andere ein abgebrochener Zahn vielleicht auch schlimm ist, wenn ich gerade schon wieder das 100. Mal beim Zahnarzt bin, oder wenn andere mir erklären, dass sie schließlich auch Hornhautverkrümmung haben, wo ich doch fast blind bin und wahrscheinlich mit Brille noch weniger sehe als die ohne. Ich möchte, dass diese Empathieverweigerung aufhört, dass man immer nur sachlich erklärt, dass dies oder jenes doch gar nicht so passiert sei, dass das doch gar nicht so negativ gewesen sei, dass doch auch positive Dinge passieren, oder dass mir immer nur die Seite der anderen erklärt wird, ohne auch einmal empathisch auf meine Seite einzugehen. Zweitens: ich möchte, dass andere, wenn sie mir gegenüber einen Fehler gemacht haben, dies auch zugeben wie bei anderen Menschen. Sätze wie, "tut mir leid, dass /wenn dies falsch bei Dir angekommen ist," oder: "das war doch nicht so gemeint", "das war doch nur auf dieses oder jenes bezogen und nicht…", verschleiern die Wahrheit. Ich möchte, dass meine Wahrnehmung bestätigt wird, wenn ich ein Fehlverhalten mir gegenüber bei anderen moniere. Ich möchte, dass andere ihren Fehler zugeben und sich wie bei jedem anderen Menschen auch dafür UNUMWUNDEN entschuldigen, ohne mich in die Ecke zu manövrieren, als sei ich ein gnadenloses Monster, das eine Entschuldigung erzwingt, da von alleine niemand sich entschuldigt, sondern man sich erst stundenlang rausredet, und ich das Bedürfnis nach meiner eigenen Entlastung und der Einsicht anderer nie einfach mal erfüllt bekomme. Man hat einen Fehler gemacht, nicht mehr aber auch nicht weniger, ich möchte, dass andere nicht immer alles auf mich, meine Auffassung, meine Wahrnehmung oder mein Verhalten schieben, sondern die Verantwortung für ihr Fehlverhalten auf sich nehmen. Drittens: ich möchte, dass andere mir absagen, wenn sie nicht kommen, und dass sie nicht dauernd behaupten, sie hätten mir dies gesagt. Immer bin ich an Missverständnissen und geplatzten Verabredungen schuld. Wenn mir andere vergessen, etwas abzusagen, habe ich es überhört, wohingegen wenn andere meine Absage überhört haben, hätte ich es angeblich nicht gesagt. Der Fehler liegt grundsätzlich bei mir. Auf die Idee, dass der andere vielleicht auch mal einen Fehler gemacht haben könnte, kommt eine andere Person erst gar nicht. Ich möchte, dass andere zu ihren Fehlern stehen. Viertens: ich möchte, dass andere das Verhalten anderer nicht dauernd in Schutz nehmen, wenn ich erzähle, dass mich ein Verhalten einer anderen Person verletzt hat. Zum Beispiel mit meiner Begleitperson über mich in der dritten Person reden, als sei ich nicht da, mich einfach anfassen oder mich einfach beiseite schieben und mich nicht mündlich darum bitten, auf die Seite zu gehen , mich einfach duzen, mich in sozialen Situationen ausgrenzen etc. Ich möchte, dass mein Gesprächspartner zunächst mir das Verständnis meiner Gefühle spiegelt und auch den anderen bei Gelegenheit erklärt, warum mich dies oder jenes zwangsläufig verletzt. Es steht mir zu , dass andere mich hier verstehen und nicht SOFORT und reflexartig und automatisch dauernd die andere Partei in Schutz nehmen und an mein Verständnis appellieren. Wenn ich umgekehrt andere verletze, wird mir schließlich auch erklärt, warum andere ein Verhalten von mir verletzt, wobei ich wiederum anderen gegenüber nicht dauernd in Schutz genommen werde, warum ich dieses oder jenes Verhalten an den Tag lege, sondern ich muss dann dauernd an meinem Verhalten arbeiten und etwas ändern. Das Verhalten anderer wird hingegen immer mit dem Satz ab getan, die sind halt unsicher, die wissen es nicht besser, die haben halt Berührungsängste etc. Somit wird ungerechterweise nur von mir grenzenlose Toleranz gegenüber dem Fehlverhalten anderer verlangt, ohne auch einmal meine Gefühle zu verstehen. Ich möchte, dass das aufhört, dass in solchen Situationen mir immer die Welt erklärt wird, wie einem kleinen Kind, warum das nun mal so sei, dass andere halt nun mal so sind. Ich bin ein erwachsener Mensch, und ich möchte, dass meine Gefühle, die ich in diesem Moment äußere, verstanden und mitgetragen werden. Ansonsten fühle ich mich wie ein Objekt, wie ein Ding, aber nicht wie ein richtiger Mensch, wie eine richtige Person, deren Gefühle man jetzt und hier mitempfinden kann. So werde ich eher wie ein Objekt verdinglicht . Schließlich soll ich nicht verstanden werden sondern erzogen. Denn ich bin ja in der Minderheit, daher zählen meine Gefühle nicht. Die anderen brauchen und können ja angeblich nichts dazulernen, die müssen ihr Verhalten nicht ändern, das ist eben eine Tatsache, da sie in der Mehrheit sind. Fünftens: ich möchte, dass meine ständigen Schmerzen aufhören, dauernd ist etwas mit meinen Zähnen, dauernd bekomme ich ein Implantat, eine Krone, dauernd werde ich an irgendetwas operiert. Dies ist nicht mit anderen vergleichbar, denn die haben nicht so viele Baustellen auf einmal . Ich möchte, dass meine Gelenkschmerzen durch Eppstein-Barr-Virus anerkannt werden, und dass jemand dafür sorgt, dass nicht dauernd irgendetwas neues kommt, wodurch ich wieder erneut Schmerzen und Leid erleben muss. Die unsinnigen Sätze, die man sich im Fernsehen oder bei Vorträgen von Philosophen, Psychologen, Pädagogen oder Soziologen anhören muss, die totale Schmerzfreiheit gäbe es nicht, sind ein Schlag in mein Gesicht, denn ich wäre schon froh, wenn ich einfach mal weniger Schmerzen und auch mal LÄNGER RUHE hätte. Wer redet hier von totaler Schmerzfreiheit? Sechstens: ich möchte, dass die Ärzte mir jedes Symptom, dass ich anbringe, sofort glauben, wie zum Beispiel meine erhöhte Vergesslichkeit, Abgeschlagenheit, Augenflimmern (und dies nicht laufend als subjektiv störend betitelt wird sondern als selbstverständlich objektiv störend verstanden wird). Ich verlange, dass mir als Jahrgang 68 meine Symptome nicht laufend als Alterserscheinungen ab getan werden, sondern dass sie als Teil meiner schweren mehrfachen Erkrankung ernst genommen und gewürdigt werden. Siebtens: ich verlange, dass die Dinge, die mir im Internat und auch sonst passiert sind, endlich gewürdigt werden, und dass mein Lebenslauf als sehr schwer eingeschätzt wird, ohne mir laufend die soziale Schuld (wegen Fehlverhaltens) an den Ereignissen oder an meiner mangelnden Integration zu geben. Ich möchte, dass herausgestellt wird, dass dies kein Lebenslauf wie jeder andere ist, sondern dass es sich hier um einen sehr außergewöhnlich schweren Verlauf handelt. Außerdem verlange ich, dass das aufhört, dass man mir immer sagt, das totale Glück gäbe es nicht, jeder hätte doch irgendetwas, und man dürfe an das Leben nicht zu hohe Erwartungen haben. Meine Erwartungen sind extrem gering. Nur um die zwei Jahre Arbeit, Frühberentung, kaum einmal eine Übersetzung, die ich machen kann, wenig Möglichkeiten, mit anderen zu musizieren, wenig Möglichkeit, Diskussionspartner zu finden, die mich auf Augenhöhe betrachten und taktvoll meine Wissenslücken füllen , wenige Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, kaum in den Arm genommen zu werden sondern überwiegend medizinische Berührungen zu erleben, das ist einfach zu wenig, ich verlange, dass dies als wenig anerkannt wird, und dass niemand mir unterstellt, ich wolle das absolute Glück, die totale Schmerzfreiheit und die optimalen Lebensbedingungen. Ich akzeptiere durchaus, dass es in jedem Leben viele Dinge gibt, die einem halt nicht so schmecken. Achtens: ich verlange, dass mein Wissen endlich anerkannt wird, dass ich nicht laufend bewundert werde, da man mir nicht zutraut, dass ich etwas weiß, oder dass ich bei Faktenäußerungen immer gelobt oder beurteilt werde wie ein Schulkind. Ich möchte auf Augenhöhe mit anderen Erwachsenen gesehen werden, und ich will, dass mein Wissen anerkannt wird, dass meine Beiträge als wichtig und als relevant angesehen werden und nicht als die Äußerungen von jemandem, der keine Lebenserfahrung und keine Ahnung hat. Sätze , die auf meine Wissensdarbringungen kommen wie: " weiß ich nicht, kann sein", oder (wenn meine Beobachtungen von denen meines Gegenübers abweichen): "das sind doch alles Ausnahmen", oder, dass Beobachtungen zu einer bestimmten Sache von den Leuten abgeklärt und gelangweilt kommentiert werden: "das ist doch überall so, und das findest Du überall", und das gönnerhafte Verhalten, wenn ich Wissensinhalte äußere (da weißt Du ja mehr als ICH!) , sollen unterbleiben. Zehntens: ich möchte nicht erzogen werden, dass immer dann, wenn ich über Schwierigkeiten rede, andere mir sofort betulich klarmachen, das es doch nicht so schlimm ist, dass ich doch auch immerhin positive Dinge erlebe, und das doch immerhin dieses oder jenes funktioniert, nur wenn es einmal klappt, nach dem Motto: siehst Du, die Welt ist doch gar nicht so schlecht. Ich habe anderen keinerlei Arbeitsauftrag zu irgendeiner pädagogischen Intervention gegeben, sondern ich möchte einfach nur sachlich und auf Augenhöhe meine Situation schildern. Ich möchte, dass die Schilderungen meiner Umstände und meiner Lebenssituation ernst genommen werden. Ich gebe hier Einblick in meine objektive Lebensrealität, in das, was ich im Alltag zu bewältigen habe, und mit dem ich konfrontiert bin. Ich habe es daher nicht verdient, dass andere mich dazu erziehen, die Dinge doch anders zu sehen oder eine andere Perspektive einzunehmen. Die anderen sind nicht meine Erzieher sondern diejenigen, die diese Schwierigkeiten ernst nehmen und emotional mit mir teilen und mich ernsthaft als Erwachsene mitfühlend begleiten. Auch wenn es positive Dinge gibt, die ich dann erwähne, wenn ich es für passend halte, macht eine Schwalbe noch lange keinen Sommer. Ich schildere mein Leben, und da tritt man mir zu nahe, wenn man die Schilderungen nicht wertfrei und mitfühlend aufnimmt, sondern dauernd versucht, meine Sichtweise zu ändern. Elftens: ich möchte auch einmal Recht haben. Ich habe kein Problem damit, auch einmal Unrecht zu haben. Ich habe aber ein Problem damit, bei unterschiedlicher Meinung prinzipiell die zu sein, die unrecht hat. Es passiert laufend, dass Leute meine Argumente mit aller Gewalt und andauernd widerlegen und dagegen reden, wobei sie dann zuweilen hinterher irgendwann doch unauffällig machen, was ich vorgeschlagen oder dargelegt habe, ohne zuzugeben, dass es von mir kam, oder sie machen es erst dann, wenn ein ANDERER es ihnen rät. Ich möchte, dass mir jemand sagt: "stimmt, Du hast recht, so hab ich das noch nicht gesehen." Das macht man mit jedem, dies ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ich möchte nicht als rechthaberisch gesehen werden, bloß weil ich ab und zu auch einmal Recht haben möchte. Wäre es den anderen egal, wer recht hat oder nicht, müsste ich nicht so darum kämpfen. Ginge es wirklich rein um die Sache, müsste ich mathematisch gesehen auch ab und zu mal bei unterschiedlichen Informationsständen oder Ansichten über Handlungsweisen Recht haben. Es gibt keinen Menschen, der immer Unrecht hat. Ich bin in jedem Schlagabtausch der Verlierer. Wenn ich aber recht habe, und das Gegenüber keine Argumente mehr hat, drehen die Leute sich weg oder wechseln das Thema und lassen mich darauf hängen und auflaufen. Es ist eine Schande, dass man mir gegenüber nicht die Größe hat, einmal zu sagen, stimmt, Du hast recht. Stattdessen werde ich in die Rolle des Monsters gedrängt, die dauernd darauf beharrt, recht zu haben, weil ich anders nicht zu meinem Recht komme, aber nicht damit leben kann, immer der Verlierer sein zu müssen. Die Unfähigkeit, auch einmal Recht zu haben, wird dann auch noch meinem Verhalten angelastet. Der Wunsch, auch recht zu haben, gilt als Sucht nach Anerkennung. Ich möchte mich nicht dauernd schämen müssen oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich darum kämpfe, AUCH MAL recht zu haben. Dass ich überhaupt darum kämpfen muss, sagt nicht nur etwas über mich aus, und auch, dass ich dauernd darum kämpfen muss, dass andere auch mal einen Fehler zugeben. Zwölftens: ich möchte, dass meine Wünsche und Bedürfnisse und meine Grenzsetzungen nicht laufend so dargestellt werden, als seien dies ganz exotische und individuelle Wünsche. Ich möchte, dass andere einsehen, dass meine Kritik an ihnen und ihrem Verhalten auch berechtigt ist, und dass sie genauso wie ich es tun muss oder musste, ihr Verhalten reflektieren und gegebenenfalls sogar ÄNDERN müssen. Ich möchte nicht, dass es dauernd so aussieht, als hätte ich spezielle Wünsche, die man sich extra umständlich merken muss, sondern ich möchte, dass andere mir bestätigen, dass mein Wunsch nach Anerkennung, danach, nicht einfach mit Du sondern auch mit Sie angesprochen zu werden, nicht einfach angefasst zu werden, nichts Individuelles sondern nachvollziehbar, logisch und angemessen ist. Ich erwarte, dass mein Bedürfnis, dass mein Leiden anerkannt wird etc., dass man nicht einfach in meiner Wohnung ohne zu fragen an alles dran geht, oder dass man nicht dauernd über meine Grenzen geht, als ein normales Bedürfnis eingesehen wird, und dass man nicht dauernd so tut, als müsste man mir gegenüber besondere Vorsichtsmaßnahmen vornehmen, damit das böse Monster nicht ausflippt, und dass man so tut, als sei ich anderen gegenüber extrem unnachgiebig, streng und unnachsichtig. Ich möchte, dass mich jemand in meinen Wünschen bekräftigt und auch die Wünsche und die Kritik, die ich ihm gegenüber äußere, als normale und berechtigte Empfindungen hinstellt, und nicht immer so tut, als müsse er bei mir ganz besonders aufpassen, anstatt einmal einzusehen, dass man bei mir nicht erst eine Gebrauchsanweisung lesen muss, um mit mir klarzukommen. Kein chronisch kranker möchte, dass seine umständliche Lebenssituation als normale Härte des Alltags betrachtet wird, die andere auch erleben, seine Leiden als ganz alltäglich hingestellt werden, oder dass sie als Alterszipperlein oder Jedermanns- Wehwehchen bagatellisiert werden. Ich möchte, dass meine Bedürfnisse als völlig normal und nachvollziehbar dargelegt werden, auch wenn ich jetzt auf so harte und ungewöhnliche Weise darum kämpfen muss. 13. ich möchte, dass mir, die ich jahrelang dafür gekämpft habe, dass meine zusätzlichen Behinderungen wie Probleme der Feinmotorik, der Wahrnehmung, ADHS und Autismus endlich anerkannt werden, Fachleute endlich genau erklären, warum ich bestimmte Dinge nicht kann, und wie genau die Mechanismen hier greifen, dass es zu diesen Problemen kommt. Es nützt mir wenig, wenn Experten mir laufend sagen, dass es gesunden und Nichtbehinderten ja schließlich genauso ginge. Jahrelang habe ich darunter gelitten, dass ich feststellen musste, dass bei mir die Dinge anders sind als bei anderen, dass ich viele Dinge nicht so kann wie andere, und dass ich mit vielen Dingen mehr Schwierigkeiten habe im Unterschied zu anderen. Ich habe also nicht jahrelang dafür gekämpft, dies endlich bestätigt zu kriegen, um nun lediglich zu erfahren, dass ich eigentlich gar kein besonders großes Problem hätte. Irgendwie muss sich dieser Unterschied, den ich schon immer bemerkt habe, ja erklären lassen, und wenn ich schon all diese Diagnosen unter großem Kampf und Anstrengung durchgesetzt habe, dann bestimmt nicht deshalb, um dann laufend WIEDER nur zu hören, dass der unterschied eigentlich gar nicht bestünde, oder wie viele andere dieselben Probleme hätten, ohne diese Diagnose zu haben. Selbst wenn es Menschen gibt, die (vielleicht wegen einer anderen Behinderung?) AB UND ZU AUCH MAL Dieselben Probleme haben wie ich, möchte ich JETZT ENDLICH einfach genauer wissen, wie es zu den Mechanismen kommt, die zu meinen Schwierigkeiten führen. Dass es hin und wieder mal jemand gibt, dem es genauso geht, und Nichtbehinderte mir gegenüber immer betonen, dass man ja auch mal einen schlechten Tag hat, mag ja sein, aber die Frage ist hier nicht, wie oft es zufällig doch mal vorkommt, dass andere auch eine Packung nicht auf kriegen, aneinander vorbeireden, Sachen nicht richtig befestigen können usw., sondern es geht ja darum, endlich Entlastung zu finden, dass es für meine zahlreich bestehenden Abweichungen zu den Fähigkeiten anderer endlich plausible und stichhaltige Begründungen und Erklärungen gibt. Es ist kein Trost, dass es anderen auch mal so geht, dadurch wird meine Erkrankung eigentlich verleugnet. Und ich habe schon zu lange damit leben müssen, festzustellen, dass etwas nicht stimmt, und wie dies jahrelang immer wegdiskutiert wurde. Jetzt, da es endlich eine Diagnose gibt, möchte ich auch, dass meine objektiv bestehenden Schwierigkeiten eingesehen und damit erklärt werden. Das hat nichts mit einer Entschuldigung oder einem Freibrief zu tun, sondern damit, dass die lange Odyssee und der lange Kampf um Erklärungen für meine Schwierigkeiten endlich ein Ende haben, und es vernünftige Erklärungen gibt, und ich mir dies alles nicht bloß eingebildet habe. Würde es anderen tatsächlich genauso gehen wie mir, hätten wir ja nie Abweichungen festgestellt, und dann hätte es auch keine Diagnose gebraucht. Ich möchte, dass dies endlich alles eintritt. So wie der verrückte Nachbar meines Bruders einmal unter einen Brief an ihn schrieb: „So wie es geschrieben steht, so wird es geschehen.“ Diese Punkte, die ich hier aufzähle, sind Grundbedürfnisse eines jeden Menschen: Anerkennung der Realität, kein herauswinden bei Fehlern oder Hintertürchen offenlassen, niemandem etwas ausreden, wegdiskutieren oder so betulich vereinzelte positive Beispiele herausstellen, siehst Du, … sondern den Abgleich der Realität vornehmen. Der Wunsch, dass andere auch von mir etwas annehmen, oder dass auch mein Leben und meine Erfahrungen nicht umsonst waren, sondern dass andere, so wie ich dies auch lebenslang tun muss, auch durch mich und an mir Erfahrungen sammeln oder ihre Einstellungen ändern oder was lernen. Ich kann ja auch nicht immer mein Verhalten so ausführen, wie ich Lust habe, und hinterher dann sagen, ich hab es doch nicht so gemeint, ich bin halt unsicher, das war doch ganz anders, tut mir leid, wenn es bei Euch falsch ankommt. Ich bin leider in der Minderheit, ich würde bei häufigem solchem Fehlverhalten mit Konsequenzen wie Ausgrenzung rechnen müssen, wohingegen meine Kritik an Verhaltensweisen anderer nichts bewirkt, da ich nicht erwarten kann, dass andere sich wegen mir ändern, sondern ich im Gegenzug immer nur die anderen zu verstehen habe. Es soll einmal hier zu bedenken gegeben werden, dass auch ich im Umgang mit Nichtbehinderten Berührungsängste habe und unsicher bin, da ich sehr lange von nicht behinderten Menschen isoliert war, da ich in Schule und Internat die entscheidenden Jahre eben nicht mit Nichtbehinderten großgeworden bin. Fehlverhalten von Nichtbehinderten wird immer damit entschuldigt, dass sie Behinderte nicht kennen und daher nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Warum soll das umgekehrt nicht genauso der Fall sein? Nur ich habe in der langen Zeit, die ich mit Nichtbehinderten zu tun hatte, auf die harte Tour gelernt, was geht und was nicht geht. Ich kann auch nicht immer sagen, ich bin autistisch , tut mir leid, ich benehme mich ebenso. Auch ich musste lernen, dass bestimmte Dinge einfach nicht regelkonform sind, oder dass man bestimmte Dinge nicht macht. Ich kann aber wiederum meinerseits nicht hergehen und sagen, ich bin leicht autistisch, bitte nehmt mal Rücksicht, verwendet bitte keine Ironie, erklärt mir die Dinge bitte umständlich, benutzt nicht allzu viele Metaphern, lasst bitte nicht zu viel in Euren Erzählungen und Erklärungen weg und sagt bitte nicht zu viel zwischen den Zeilen, benutzt bitte weniger Gestik und Mimik, oder verbalisiert sie bitte extra für mich, da ich sie weder sehen noch intuitiv erfassen kann. Alleine hier ist schon ein gewisses Machtgefälle deutlich, da ich mich mehr an die Gesellschaft und an die Welt anpassen muss als andere sich an mich. Und dennoch möchte ich in meinen Bedürfnissen ganz normal behandelt werden, da ich normale Wünsche habe, auch gerne eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, und all die Dinge getan hätte, die ich bereits oben erwähnt habe. Es ist gegen die Menschenwürde, immer der Sündenbock zu sein, wie ich es oben beschrieben habe. Wenn meine Formulierungen bei anderen falsch ankommen, dann lag das an mir, weil ich mich zu derb ausgedrückt habe. Wenn ich über die Formulierungen anderer verärgert bin, liegt es auch an mir, da ich die Sätze der anderen falsch verstanden habe. Immer nur bin ich diejenige, die an mir arbeiten muss, oder die ihr Verhalten ändern soll, oder die irgendwie in Reparatur gehen muss, wohingegen mir immer gesagt wird: „Du kannst die anderen nicht ändern, Du kannst nur Dich selbst ändern.“ Ich habe keinerlei Handhabe oder keinerlei Konsequenzen, die ich anderen androhen kann, wenn sie sich nicht so verhalten, wie ich es will. Ich hingegen muss Konsequenzen befürchten, wenn ich mich nicht den Erwartungen anderer konform verhalte, da ich dann auffalle, mich blamiere, nicht ernst genommen werde, bei anderen Verärgerung hervorrufe, ausgeschlossen werde etc. das der Grund für den Konflikt vielleicht auch einmal in ungünstigen Eigenschaften oder Verhaltensweisen oder Angewohnheiten meines Gegenübers gelegen hat, und der sich vielleicht mal anders benehmen müsste, steht gar nicht zur Diskussion. Ich brauche die anderen, leider brauchen die anderen nicht mich. Somit bin nur ich von den anderen abhängig aber nicht umgekehrt, daher sehen andere keinerlei Notwendigkeit und keinerlei Leidensdruck, ihr Verhalten zu ändern. Ich fühle mich immer wie ein Tyrann, wie jemand, der andere laufend nervt oder dauernd irgendwelche Forderungen stellt, oder der andere dauernd in die Ecke und in die Enge treibt, damit sie das kriegt, was sie will. Ich wirke wie jemand, bei dem man Angst haben muss, dauernd was falsch zu machen. Aber in diesem System wird mir sozusagen diese Rolle irgendwie auch zugewiesen. Ich müsste mir eigentlich auch irgend ein Druckmittel ausdenken, einen Hungerstreik, einen Sitzstreik oder eine Demonstration. Dazu hat man dann ja eine Menge Zeit, Beharrlichkeit und Kraft und Spielraum. So bleibt genügend Zeit, meine Forderungen, die berechtigt sind, zu erfüllen. Auch wenn dies alles sehr hart herüber kommt, bin ich im Grunde tief und tot traurig. Ich hätte lieber Menschen, die mich wirklich verstehen, die Empathie und Mitgefühl mit mir haben, die mir gegenüber auch Größe zeigen, die sich auch mal entschuldigen können, die auch mal Fehler zugeben, die mir auch mal Recht geben, wo ich nicht dauernd drängen muss, wo ich nicht dauernd darum betteln oder kämpfen muss, dass sie mal etwas zu geben, oder dass sie mal etwas anerkennen oder einräumen, mit denen ich Wissen austauschen kann auf Augenhöhe, die von mir lernen, und von denen ich auch gerne lerne, die ihre Schwächen zeigen, zumindest im engsten Kreise, die auch mal eigene Missgeschicke zu geben, und die auch mal zugeben können, dass sie mit bestimmten Dingen, die auf mich zukommen, genauso schlecht fertig werden würden, die nicht immer super, toll, schlagfertig und stark sind, sondern die auch mal zugeben, dass sie auch nicht immer einen Spruch parat haben, oder auch mal sich nicht trauen, etwas zu sagen, oder die auch mal Angst haben. Kurzum, nicht nur lauter fehlerlose Monster, die so einem armen Geschöpf wie mir helfen, sondern Menschen, vor denen ich ACHTUNG haben kann, aber wo auch der Spruch: Irren ist menschlich, ebenso zutrifft.